/ Von Kurt Becker

Helmut Schmidt blickt entspannt vor sich hin. Wieder liegt eine aufzehrende Woche hinter ihm, aber fernab von Bonn, in der Behaglichkeit seines Hauses in Hamburg, ist die Erschöpfung von ihm abgefallen. Das Gesicht spiegelt zwar die permanente Überarbeitung, es ist blaß. Doch die Züge sind straff. Wille und Schaffenskraft, so scheint es, sind ungebrochen. Jede Bewegung, auch das Timbre seiner Stimme verbreiten souveräne Gelassenheit.

Welch ein Unterschied zum Dezember 1976, wo ein zutiefst verstörter Helmut Schmidt von den Stürmen, die das Renten-Fiasko entfesselt hatte, in die Tiefe gezogen zu werden drohte. Der Bundestag wählte ihn am 15. Dezember bloß mit einer Stimme Mehrheit ins Amt, und am Tage darauf mußte er die Regierungserklärung mit einer Selbstbezichtigung einleiten: "Kein Zweifel, das Rententhema hat zu einer Belastung des Vertrauens in die sozial-liberale Koalition und in die Bundesregierung geführt."

Jetzt hingegen, ein Jahr später, nachdem Helmut Schmidt in einer Berg- und Talfahrt ohnegleichen alle Höhen und Tiefen politischer Fortune und Rückschläge erlebt hat, urteilt er ganz gelöst in eigener Sache: "Das gegenwärtige Ansehen des Bundeskanzlers ist größer, als es je in den dreieinhalb voraufgegangenen Jahren gewe-. sen ist."

Eine Infas-Umfrage vom November bestätigt diesen Ansehenszuwachs: 58 Prozent der Befragten bekundeten Helmut Schmidt ihr Vertrauen. Der Mogadischu-Bonus hat seinen Vorsprung vergrößert. Aber der Kanzler sagt auch völlig unbefangen: "Bei einer besseren Opposition würde die Regierung heute nicht so dastehen."

Ein solches Einsprengsel von Bescheidenheit gehört nicht gerade zu Schmidts herkömmlichem öffentlichen Erscheinungsbild. Gleichwohl hat er in jüngerer Zeit gleich zweimal in augenfälliger Weise Bescheidenheit geübt. Am eindrucksvollsten, als er seine Regierungserklärung zur Befreiung der Geiseln in Mogadischu und zur Ermordung von Hanns Martin Schleyer abgab: "Wer weiß, daß er so oder so, trotz allen Bemühens, mit Versäumnis oder Schuld belastet sein wird, wie immer er handelt, der wird von sich selbst nicht sagen wollen, er habe alles getan und alles sei richtig gewesen." Am Schluß standen: die Worte: "Die Bundesregierung wird noch Gelegenheit nehmen, ihre Gründe – auch ihre Zweifel – öffentlich darzulegen. Zu dieser Verantwortung stehen wir auch in Zukunft. Gott helfe uns!"