Sprache ist verräterisch: Vom "Schülerberg" zur "Akademikerschwemme"

Es türmen sich Berge auf von Schülern, Lehrlingen und Studenten. Es droht eine Schwemme von Akademikern. Der Überfluß ist ausgebrochen. Was tun wir mit überflüssigen Produkten? Wir konservieren oder vernichten sie. Der Milchschwemme versucht die Europäische Gemeinschaft Herr zu werden, indem sie den Bauern Prämien für das Schlachten ihrer Kühe zahlt und die Milch als Trockenpulver einlagert. Der Butterberg wird abgetragen, indem der Bestand an Rindviechern dezimiert und die Butter in Kühlhäusern gestapelt wird – zum Feste dann billig auf den Markt geworfen.

Wie muß wohl Jugendlichen zumute sein, wenn sie lesen und hören, sie bilden einen "Schüler-, Lehrlings- und Studentenberg", eine "Akademikerschwemme" schwappe über das Land? Ist nur die Sprache verludert, oder werden die jungen Menschen als Ware be- und gehandelt? Sprache ist verräterisch, Sprache ist Denken. Kategorien der Marktwirtschaft werden auf Menschen übertragen: das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das "Angebot" von jungen Menschen – Schülern, Lehrlingen, Studenten – wächst Jahr für Jahr, weil die Kinder der geburtenstarken Jahrgänge jetzt aus den Schulen kommen. Sie suchen einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz. Aber die "Nachfrage" der Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes nach Lehrlingen und ausgebildeten Akademikern ist geringer als Jugendliche auf "den Markt" kommen. So beklagte unlängst das Vorstandsmitglied der Esso AG, Otto Daniel, in der "Brennpunkt"-Sendung des ersten Fernsehens, wir "produzierten" zu viele Akademiker. Der Moderator Günther von Lojewski hatte dem Wirtschaftsmann die sprachliche Vorlage geliefert: "Produzieren wir mehr Akademiker, als wir in der Bundesrepublik brauchen können?" Ebenso flott wie bedenkenlos folgte das Wort von der "Akademikerschwemme".

Wohin also mit dem "Überfluß" an Jugendlichen? Nach den Gesetzen des Marktes kann sie die Wirtschaft nicht alle aufnehmen, zumal viele von ihnen, so kritisieren Wirtschaftsbosse, "am Bedarf vorbei," nämlich dem des Marktes ausgebildet werden. Was wirklich der Bedarf ist, kann freilich niemand genau sagen, denn das ändert sich immer wieder je nach der Marktlage. Der Staat, sprich Bund, Länder und Gemeinden muß sparen und hat daher seine Arbeitsplätze verringert.

Was also tun? Trotz der Waren-Sprache sind Jugendliche keine Produkte, die man beliebig verwenden kann. Die Jugendlichen sind da, sie fordern Ausbildung und Arbeit. In den nächsten zehn Jahren brauchen wir zusätzlich über eine Million Arbeitsplätze. Wir haben aber schon heute eine Million Arbeitslose. Werden wir schon in einigen Jahren zwei Millionen Arbeitslose haben, darunter viele Jugendliche, weil wir unbeirrt an die "Selbstheilungskräfte" der freien Marktwirtschaft glauben? Die jungen Menschen werden den Glauben daran, sollten sie ihn überhaupt haben, schnell verlieren, wenn sie als Überangebot behandelt werden. Wer nicht gebraucht wird, fühlt sich auch keiner Gesellschaftsordnung verpflichtet. Wer nicht gebraucht wird, folgt schließlich politischen Rattenfängern, die ihn brauchen, um ihn zu mißbrauchen.

Wenn das System der freien Marktwirtschaft Tausenden von Jugendlichen weder Ausbildung noch Arbeit bieten kann, weil die Nachfrage geringer ist als das Angebot, ist etwas faul am System. Die Wirtschaft sollte das nicht ignorieren und nur auf die Gesetze des Marktes pochen. Sie muß nach Wegen suchen, wie sie vor allem für die jungen Menschen Ausbildungs- und Arbeitsplätze schafft – selbst wenn das die Gewinne schmälert.

Solange aber im Vordergrund steht: der Mensch habe sich dem Bedarf des Marktes unterzuordnen, scheint es kein Zufall, daß der "Überfluß" an Jugendlichen wie bei landwirtschaftlichen Produkten einprägsam als "Schülerberg", "Studentenberg", "Lehrlingsberg" und "Akademikerschwemme" gekennzeichnet wird.

Hat die Überflußgesellschaft eine überflüssige Generation produziert? Claus Voland