ZDF, Mittwoch, 14. Dezember, 21.15 bis 22.55 Uhr: "Der Tod des Camilo Torres oder Die Wirklichkeit hält viel aus", Fernsehfilm von Oliver Storz, Regie Eberhard Itzenplitz

Eigentlich sollte dieser Film schon am 1. November gesendet werden. Er wurde damals verschoben, wohl in der Annahme, daß die öffentliche Erregung nach dem Fall Schleyer keine günstige Voraussetzung wäre für die besonnene Aufnahme eines Films, der das Leben eines – wenn auch fernen und toten – gewalttätigen Sozialrevolutionärs verständnisvoll nachzeichnet. Die Befürchtung, die Rekonstruktion eines historischen Lebenslaufs, der vor fast zwölf Jahren in Kolumbien von den Schüssen einer Militärstreife beendet wurde, könnte auf aktuelle deutsche Empfindlichkeiten treffen, ist verständlich und unverständlich zugleich.

Unverständlich, weil der Priester und Soziologe Camilo Torres schließlich unter sozialen Bedingungen zum Guerrillero wurde, in denen sich die der Bundesrepublik nicht wiedererkennen lassen: in einem feudalistisch-oligarchischen Zwei-Klassen-Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung nahezu chancenlos am Existenzminimum entlangvegetierten; weil dieser hochexplosiven Situation zum Trotz bisher alle Versuche, das Volk zur bewaffneten Erhebung aufzuwiegeln, auch der von Torres, gescheitert sind; und weil schließlich Oliver Storz in seinem Film zum Ende hin Torres’ Entscheidung für den bewaffneten Kampf eindeutig verwirrt. Der Film ließe sich also geradezu als ein Lehrstück darüber verstehen, daß der Weg in den bewaffneten Untergrund selbst unter den empörungsträchtigsten sozialen Verhältnissen zwecklos und unmoralisch ist.

Aber die Befürchtung ist auch verständlich. Der Fall Camilo Torres nämlich demonstriert, daß es nicht überall und unbedingt unverständliche und des Verständnisses auch nicht bedürftige ausgeflippte Wirrköpfe sein müssen, die den Weg in den Terrorismus gehen. Torres mag am Ende die politisch und moralisch falsche Entscheidung getroffen haben: daß seine Entscheidung für die Guerilla aus hochentwickelter moralischer Empfindlichkeit herrührte, wird ihm niemand abstreiten können; auch nicht seine Selbstlosigkeit; auch nicht die nüchterne Geradlinigkeit seines Denkens: "Ich habe das Christentum gewählt, weil ich in ihm die reinste Form fand, meinem Nächsten zu dienen... Als Soziologe wollte ich, daß die Liebe sachgerecht und mit Hilfe der Wissenschaft verwirklicht wird. Bei der Analyse der kolumbianischen Gesellschaft wurde mir die Notwendigkeit einer Revolution bewußt, um die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu tranken, die Nackten zu bekleiden und das Wohl der Mehrheit unseres Volkes zu erreichen." Ein wenn auch verzerrter Widerschein dieses moralischen Impetus aber ist auch bei deutschen Terroristen anzutreffen; ihn zu konstatieren, macht einen aber im Moment nicht eben beliebt.

Was Oliver Storz vorgeschwebt haben muß, ist eine Art Essay über die Faszination des gewaltsamen Widerstands, dargestellt an der Person des Camilo Torres. Und in gewisser Weise ist der Film das auch. Auf hohem Niveau und in wohlgeformten Sätzen werden moralpolitische Grundfragen erörtert, wenn auch für mein Gefühl die soziologische Empirie dabei etwas zu kurz kommt zugunsten fast metaphysischer Abstraktion: "Kommt die soziale Erlösung des Planeten aus dem Haß oder nie? Denn Gewalt üben kann nur, wer haßt. Kann aber, wer haßt, erlösen?" Aber überzeugende filmische Formen für einen solchen Essay stehen nicht zur Verfügung, und hier jedenfalls wurden sie nicht erfunden. Am Ende handelt es sich denn doch nur darum, daß ein paar Schauspieler in historischen Kostümen ein paar Szenen nachstellen, die es erlauben, wenigstens die wichtigsten Informationen und Kernthesen in Dialogform vorzutragen.

Die Informationen waren, soweit ich das beurteilen kann, sorgfältig ausgesucht und richtig, und Torres sprach immer wieder authentische Torres-Sätze. Aber ein Film kann sich bei einem derartigen Arrangement gar nicht erst entfalten. Da sich das Leben zweifellos nicht in fernsehgerechten Szenen abspielt, kann eine filmische Rekonstruktion von Wirklichkeit, die nur aus bedeutungsschweren Episoden besteht, in denen druckreife, bedeutende Worte gewechselt werden, nicht anders als tief unwahr wirken.

Storz hat die Fragwürdigkeit des Verfahrens bemerkt, und er hat versucht, es sozusagen ehrlich zu machen durch die Vorbemerkung: Dies alles sei gar nicht die Realität, dies könne nur die Realität sein, wie er sie sich vorstelle: "Ich stelle mir vor, ich sähe ihn, so wie man ihn kannte in Bogotá, der Hauptstadt eines reichen Landes der armen Massen..." Der Haken daran ist nur, daß der Film natürlich nicht Torres zeigt, wie ihn Storz sich wirklich vorstellt (das könnte ein interessanter Film sein), sondern wie Storz glaubte, ihn sich zum Zwecke der Fernsehverfilmung vorstellen zu müssen.