Von Gerhard Schmidtchen

Professor Schmidtchen lehrt Soziologie an der Universität Zürich. Dem Vortrag, den er in der vergangenen Woche beim Bonner CDU-Symposium über Terrorismus gehalten hat, entnimmt die ZEIT die wesentlichen Passagen.

Der Skandal des deutschen Terrorismus besteht gerade darin, daß er sich in einer unverständlichen, paradoxen Beziehung zur gesellschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik befindet. Warum bricht der Terror gerade in der Bundesrepublik aus? Einer Gesellschaft, die mehr Freiheiten kennt als je zuvor in der deutschen Geschichte. Einer Gesellschaft des Reichtums und der breiten Ressourcenstreuurfg. Einer Gesellschaft, die durch ein politisches System gelenkt wird, das die Zustimmung der großen Mehrheit findet. Einer Gesellschaft, die von niemandem als ideal betrachtet wird, aber von jedermann als reformfähig. Und in dieser Gesellschaft soll es besonders günstige Bedingungen für Terroristen geben?

Drei Bereiche der Desorganisation sind besonders augenfällig. Der erste ist Verwilderung im religiösen Bereich. Mit dem Machtverlust der Kirchen schwindet ein Moment der Rationalität in der Behandlung des Religiösen. Ein wesentlicher Aspekt dieser Rationalität des Religiösen ist die Abwehr menschenfeindlicher Entwicklungen. Die große Zeit destruktiver Sekten bricht an, die zum Schrecken der Eltern Heranwachsender werden.

Das zweite Beispiel: Zerfall der gesellschaftlichen Moral. Wir verzeichnen nicht nur eine steigende Rate der Kriminalität, sondern auch eine Desorganisation der Alltagsmoral. Jemanden übers Ohr hauen ist schick. Moralität wird mehr und mehr als eine Form von Dummheit empfunden. Viele Menschen sind aggressiv bereit, anderen wegen kleiner Vorteile große Nachteile zuzufügen. Moralische Handlungskriterien werden weitgehend durch Effektivitätskriterien ersetzt. Die Verstärkungssysteme für ethisch wertvolles Verhalten scheinen sich abzuschwächen. Unsere Erziehungssysteme scheinen unfähig, die Internalisierung von moralischen Normen zu erreichen.

Das dritte Beispiel: Desorganisation der Persönlichkeitssysteme. Zur handlungsfähigen und gesunden Persönlichkeit gehört ein ausreichendes Niveau von realistischer Selbstachtung. Kriterien für die Selbstbewertung dürfen nicht nur in der Gruppe gesucht werden, sondern darüber hinaus in den übergeordneten gesellschaftlichen Systemen. So ist es leichter, zu bestehen und das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, wenn man in einem Lebensbereich einmal negative Erfahrungen macht. Das gesamte Selbstbewertungsprofil kann dann trotzdem positiv bleiben.

Millionen Menschen ist es verwehrt, ein positives Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten. Depressive Störungen beziffern Psychiater auf ungefähr ein Drittel der Bevölkerung und auf 50 Prozent der jungen Leute an den Hochschulen. Mängel in der Selbstrealisierung manifestieren sich in Alkoholismus, Medikamentenmißbrauch, Tabakwarenkonsum, Gebrauch psychoaktiver Substanzen, in unsinniger Nahrungsmittelaufnahme. Erregend hoch sind die Zahlen für Alkoholismus und Drogenabhängigkeit unter Jugendlichen. Die Armut an Optionen des Engagements ist der entscheidende Faktor.