Von Dietrich Strothmann

Fast alles stimmte: die arrogante Attitüde, die Verschwendungssucht, das pompöse Arrangement. Nur drei Dinge paßten dann doch nicht mit dem Modell, der Kaiserkrönung Napoleon Bonapartes, zusammen: Das Datum wurde um drei Tage verfehlt, der Papst erschien nicht zur feierlichen Salbung und – vor allem – das Zentralafrikanische Kaiserreich des Jahres 1977 ist nicht das Frankreichs von 1804.

Sonst aber hatte Bokassa I., Afrikas neuer und – nach des Äthiopiers Haile Selassis Sturz vor drei Jahren – auch einziger Monarch, alles aufgeboten, was ihn anläßlich dieses tropischen Jubel- und Trubeltages in der üblicherweise verschlafenen Hauptstadt Bangui an das große Idol erinnerte: eine Krone, bespickt mit hochkarätigen Diamanten, eine mit Emblemen reichbestickte Robe, eine goldene Kutsche mit acht Schimmeln im Gespann, eine 28jährige, hübsche Kaiserin, der er nach seiner Krönung das Diadem aufsetzte, Marschmusik und lateinische Gesänge, eine illustre Schar ausländischer Gäste, Pagen in Kürassieruniformen, eine frenetisch feiernde Menge in den Straßen der Kaiserstadt.

Rund gerechnet 50 Millionen Mark soll das Spektakel – inklusive Kaviar, Tone und 48 000 Flaschen französischen Weines, alles eingeflogen – gekostet haben. Das macht den jährlichen Zuschuß der Pariser Regierung aus und mehr als ein Drittel des Staatshaushalts. Die Zentralafrikanische Republik (ausgerufen 1958) zählt auch als Zentralafrikanisches Kaiserreich zu den 25 ärmsten Ländern der Erde: Die jährliche Wachstumsrate beträgt 0,5 Prozent, der Analphabetenanteil der knapp 2,5 Millionen Einwohner 60 Prozent. Aber über ihres Kaisers teure Kleider (nebst denen seiner Gemahlin Catherine und des zweijährigen Kronprinzen Jean Bedel Georges) waren angeblich alle Zentralafrikaner glücklich. Sie selber, so Bokassa in seiner landesväterlichen Güte, wollten es so, begriffen, daß sie "für diesen Meilenstein in unserer Geschichte einfach Opfer bringen müssen". Freilich, gefragt hatte sie vorher keiner. Bokassa, schon Präsident auf Lebenszeit, hatte eines Tages selber bestimmt, daß er, auch noch Kaiser auf Lebenszeit werden müsse. Und so geschah es dann, ohne Widerrede.

Viel gab es nach seinem Machtantritt im Jahre 1966, als er seinen Vetter Dacko gestürzt hatte, auch nicht über ihn oder sein Land im Herzen Afrikas zu berichten: Höchstens, daß er anfangs den blutrünstigen Herrschaftsstil seines damaligen Freundes Idi Amin nachahmte, daß er häufig die Pferde wechselte (mal von den Libyern, mal von den Südafrikanern Geld nahm, mal die Taiwanesen, mal die Rotchinesen, erst die Deutschen aus Ost, dann die Deutschen aus West bevorzugte); daß er sich auch mit seinen bewunderten Gönnern, den Franzosen, querlegte, sie beschimpfte (wenn sie nicht zahlten), sie lobte (wenn sie spendabel waren). Stets war der 56jährige Jean-Bedel Bokassa für Überraschungen gut, war er sein eigener bester und höchstdotierter Public-Relations-Agent.

Nun ist er also Kaiser von eigenen Gnaden, zugleich Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber, Pärteichef und oberster Richter. Nur Ministerpräsident will er künftig nicht auch noch sein; früher leitete er außerdem gleich ein halbes Dutzend Ministerien (wie er auch, neben mehr als 20 Kindern, mindestens sechs Ehefrauen sein eigen nennt, eine Rumänin mit Namen Gabriella darunter): ein Mini-Napoleon, auch gemessen an der Körpergröße – der Franzose mit seinen 1,69 Metern war immerhin sechs Zentimeter länger. Ein Operettenkaiser also, der Afrika vor der zivilisierten Welt in Verruf bringt, den Kontinent westlichem Spott preisgibt?

Bokassa ist, in seiner aberwitzigen Überheblichkeit wie in seine abstrusen politischen Vorstellungen, ein Kind des Abendlandes. Bei den Franzosen lernte er das Töten – als Soldat und Offizier während 23 Jahren in Deutschland, Algerien und Vietnam. Als er sechs Jahre alt war, wurde sein Vater, ein Dorfältester, vor seinen Augen von französischen Kolonialtruppen erschossen. Von den Franzosen übernahm er auch die rückhaltlose Bewunderung Napoleons, später de Gaulles, an dessen Grab er in Tränen ausbrach und schluchzte: "Der Vater ist tot!" Und von Frankreich, dem Land des Sonnenkönigs, lernte er schließlich, wie er – erst einmal unangefochten an. der Spitze seines Staates – die Macht diktatorisch-genußvoll auszukosten hatte, mit zuweilen brutaler Strenge gegenüber seinen Untertanen, mit luxuriöser Prasserei in seinem prunkvollen Palais de la Renaissance oder in den diversen Lustschlößchen im Mutterland. Frankreich.