Von Wolfram Runkel

Los, aussteigen, los, los, los!" Meja, unser sambischer Safari-Führer, kannte kein Erbarmen. Neben ihm stand bereits Simon, der Waldhüter – sauber angezogen und unbeweglich wie eine C & A-Schaufensterfigur im Safarilook, aber mit einem uralten, freilich blitzblanken Gewehr über der Schulter. Ansonsten standen da – 50 Meter entfernt – etliche hundert schwarze Statuen, riesige, herrliche, kraftvolle Büffel, alle Köpfe Richtung Auto, alle Augen groß, dunkel, starr, ruhig, aber auch undurchsichtig. Wenn diese Statuen lebendig; werden – und das werden sie, dann ist nur wichtig: in welche Richtung?

Im oder besser auf dem Auto, denn es hatte auf dem Chassis nur noch die Sitzbänke (Dach, Fenster und Türen waren herausgerissen zwecks "stärkerer Naturverbundenheit"), kauerten sieben weiße, sehr weiße Europäer und Neuseeländer, und wollten keineswegs aussteigen, absteigen.

"Los, los, los!" maulte Meja jetzt, "dies ist eine Walking-Safari. Wir sind nicht in Kenia!" Wahr, wahr. Wir sind in Sambia. Was in Kenia lebensgefährlich und strikt verboten ist, nämlich in den Naturparks – außer an ein paar ganz bestimmten, sicheren Plätzen – den Wagen zu verlassen, ist in Sambia gerade Inhalt, ja Befehl der Safari. Die Ziele sind klar: Der Gang durch den Dschungel verspricht intensiveren Kontakt mit der Natur, mehr Authentizität, mehr Bewegung, mehr Aktivität, schließlich und wohl am wichtigsten, mehr Thrill, mehr Aufregung, mehr Spannung.

Oder genauer: mehr Angst. Aber es half nichts. Meja guckte richtig ernst, und wir fürchteten seinen Zorn wohl doch mehr als die Büffel, jedenfalls stiegen wir von unserem Chassis herab und bewegten uns in Richtung Büffel, die frontal aufgereiht wie ein Römerheer uns weiterhin unverdrossen anstarrten. Und Simon ging ihnen entgegen wie Gary Cooper beim großen Showdown, die Flinte abgeschüttelt im Anschlag – wir alle folgten wie auf Eiern. Ein Herr aus Frankfurt bildete die Nachhut, sich geschickt am langsamsten vorwärtsbewegend. Endlich entschlossen sich die Büffel zum Handeln. Wohl auf einen Wink ihres Leitbullen wandten sie sich ab und stoben davon. Die Savanne bebte, ein Staubpilz erhob sich vor uns, nebelte uns ein.

Und? Wir jagten jetzt hinterher. Der Frankfurter machte feine Umwegsprünge, um bei seinem Tempo nicht unversehens an der Spitze aufzukreuzen. Aber die Büffel hatten schnell einen ausreichenden Vorsprung, stellten sich wieder auf, glotzten uns wieder entgegen. Wir ließen ihnen keine Ruhe, vertrieben sie wieder. Und wieder.

Endlich wandten wir uns ab, ließen sie in Ruhe. Augen leuchteten, Herzen klopften, Häute schwitzten. Thrill? Ja. Sport? Ja. Verbundenheit mit der Natur? Waren wir mit der Natur verbunden, oder waren wir im Gegenteil getrennt von ihr? Waren wir Störenfriede?