Von Werner Vordtriede

Gedichte sind, einem weitverbreiteten Vorurteil entgegen, übersetzbar. Ja, nicht nur übersetzbar sind sie, sondern jede nationale Dichtung braucht die fremden Gedichte, um aus ihnen immer wieder ihren eigenen Formen- und Klangvorrat zu bereichern oder sogar zu erneuern. Ohne die übersetzenden Dichter gäbe es viele, sich aus fremden Formen und Klängen entwickelnden Eigenformen nicht, im Deutschen also nicht "Hermann und Dorothea", Klopstocks und Hölderlins Oden, die pindarisierenden Hymnen des jungen Goethe oder späten Hölderlin, nicht die ossianischen Stimmungen des "Werther", nicht Brentanos "Romanzen vom Rosenkranz" oder Heines "Atta Troll", keine Sonette, keine Ghaselen oder die lyrisch gewordene Terzine Hofmannsthals oder Brechts Villon-Paraphrasen. In Deutschland hat sich die Dichtung, mehr als in anderen Ländern, immer wieder bemüht, durchs Fremde hindurch zum Eigenen zu gelangen. Davon legen reiches Zeugnis ab die drei Bände –

"Epochen der deutschen Lyrik", herausgegeben von Walther Killy, Band 10 (in drei Teilen): "Übersetzungen – Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge", unter Mitarbeit von Rüdiger von Tiedemann, herausgegeben von Dieter Gutzen und Horst Rüdiger; dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1977; 950 S., 16,80 DM.

Die sorgfältig und mit Spürsinn zusammengestellte Anthologie ist chronologisch angeordnet. Sie führt von Luther (1524) über die übersetzerisch sehr tätigen Barockdichter zu Klassik und Romantik bis hin zu Piontek und Friedrich Ege (1973). Einige der Dichter, bei denen das Übersetzungswerk zum bedeutenden Bestandteil ihres Gesamtwerks wurde, also Mörike, George, Rilke, kommen ausgiebig zu Wort. Dabei ist es besonders reizvoll, dasselbe Gedicht über die Zeiten hinweg in verschiedenen Fassungen kennenzulernen. Etwa Heine im Wettstreit mit Goethe um Lord Byron, oder ein Chorlied von Sophokles in vier Fassungen, wobei die von Hölderlin, vermutlich aus Mangel an Sprachkenntnis, die merkwürdigste ist.

Die Auswahl ist so angelegt, daß prinzipiell nur Dichterstimmen zu Wort kommen (wobei wunderlicherweise Richard Friedenthal zu solchen Ehren kommt). So sehr das einleuchten mag bei einem Werk, dessen Obertitel ja "Epochen der deutschen Lyrik" lautet, so ist dabei doch zu bedenken, daß durch diese Beschränkung auf mehr oder weniger bekannte Dichternamen alle diejenigen wegfallen, die sich erst und vielleicht einzig durch ihre Übersetzungen einen Platz im deutschen Dichterpantheon erobert haben. Ich denke da an Übersetzer wie Erich Arendt, der 1967 Pablo Neruda den Deutschen geschenkt hat.

Das Barock, das sich vor allem der Antike und Petrarca zuwendet, kennt noch kaum die getreue Übersetzung; man paraphrasiert, fügt hinzu oder moralisiert. Erst mit Goethe beginnt die genaue, regelrechte Übersetzung, wie auch er, neben der Bemühung um die Antike, die Aneignung des Zeitgenössischen beginnt, die, in der Romantik verstärkt, schließlich in unserem Jahrhundert, zu einem Hauptbestandteil der Bemühung wird. Ohne die Übersetzer wäre die Antike einer nicht humanistisch geschulten Leserschaft einfach verborgen geblieben und ohne die übersetzenden Pioniere wären wichtige Zeitgenossen nichts als Namen. (Chamisso etwa führte als erster den Lyriker Hans Christian Andersen in Deutschland ein und machte das aus ihm geschöpfte "Es geht bei gedämpfter Trommel Klang" zu einem deutschen Volkslied.)

Jeder Leser eines offenbar so genau durchdachten Kompendiums wird dies oder das vermissen. (etwa Michendorf schöne Übersetzungen spanischer Romanzen), ohne daß sich ihm die Achtung vor dieser Leistung verringert. Zwei große Lücken allerdings weist das Werk auf: Rückert, einer der genialsten Übersetzer und damit Bereicherer des Deutschen, kommt als Nachbildner persischer und arabischer Poesie nicht, zu Wort; man findet nicht eine Ghasele, bekommt also nicht das Wurzelgeflecht zu Gesicht, aus dem der "Westöstliche Diwan" oder Platens Ghaselenkunst sich speiste. Auch die Troubadourdichtung, von Rudolf Borchardt für uns eingeheimst, kommt nicht vor.

Aber das sind keine Versehen. Die große, überaus kenntnisreiche Einleitung Horst Rüdigers, die den Gang dieser Übersetzertätigkeit nachzeichnet und auf die wichtigen Angelpunkte mit souveräner Belesenheit hinweist, gibt ausdrücklich eine Begründung für diese scheinbaren Lücken. Zum einen wollte man sich nur auf die europäische Dichtung beschränken, darum das Fehlen des orientalischen Rückert; und zum andern fand man Borchardt zu schwierig, da er in seinen Übersetzungen der Troubadoure das notwendige Prinzip der "Divulgation" außer acht gelassen habe und daher seine Übersetzungen vielfach schwieriger zu lesen seien als die Originale. Gewiß kein unberechtigter Einwand, aber ein Beispiel dieser verwegenen, der Sprache gerade noch Mögliches abfordernden Kunst hätte die Sammlung doch wohl bereichert.