Von Raimund Hoghe

Hier vermag ich nur einige ihrer Erscheinungsweisen anzudeuten", schreibt Wen Cheng-ming, einer der einflußreichsten Gestalter der Literatenmalerei und anerkanntesten Künstler im China der Ming-Dynastie, in seinem 1555 entstandenen "Lobpreis der Narzisse", "nicht aber ihr innerstes Wesen zu erschließen – nach dem Rundgang durch die neuen Räume des Museums für Ostasiatische Kunst in Köln, der Begegnung mit fernöstlicher Malerei, Plastik, Kunstgewerbe, prähistorischen und frühgeschichtlichen Funden, buddhistischer Kunst aus China und Japan (die Sammlung buddhistischer Plastik und Malerei bildet das Kernstück des Museums, das über die in Europa umfangreichste und bedeutendste Sammlung japanischer Holzskulpturen vom 9. Jahrhundert bis zur Neuzeit verfügt), nach dem Blick auch auf alte Grabplastik und Tuschebilder, chinesische und japanische Keramik, technisch perfekte Lackarbeiten und farbenprächtige Textilien, kleinformatige Farbholzschnitte und auf Fernwirkung berechnete große bemalte Stellwände, und auf die abweichend vom übrigen Ausstellungskonzept in einem besonderen Raum zusammengestellten Beispiele koreanischer Kunst, nach der Konfrontation mit etwa fünfhundert Ausstellungsstücken bleibt eine Fülle von Eindrücken, Erfahrungen und schließlich die im "Narzissengedicht" des Wen Cheng-ming beschriebene Erkenntnis auch: wie wenig sich mitteilen läßt über die Qualitäten, die jenseits des Ästhetischen zu finden und zu erfahren sind, wie wenig Worte Ersatz sind für Erfahrungen, die hier zu machen sind.

Erlebnisraum soll der am Freitag letzter Woche eröffnete Neubau des 1909 gegründeten und vier Jahre später eingeweihten Museums für Ostasiatische Kunst in Köln sein. Roger Goepper, Leiter des Hauses, im Vorwort des Ausstellungskatalogs "Meisterwerke aus China, Korea und Japan" (26 Mark): "Mit seinem neuen Haus setzt sich das Museum zum Ziel, eine Stätte lebendiger und intensiver Begegnung mit ostasiatischer Kunst zu sein – einer Begegnung, die – so seltsam dies klingen mag – gerade wegen ihrer fremdartigen Distanziertheit die Augen des Betrachters auch für die Werte der eigenen Schöpfung der Kunst zu schärfen vermag."

Bei solcher Erschließung einer fremden (Kunst-)Welt wird der Besucher des im Kölner Grüngürtelbereichs am Aachener Weiher gelegenen Museums (Öffnungszeit: täglich von 10 bis 17 Uhr, freitags bis 20 Uhr) nicht allein gelassen. Unter anderem geben präzise Erläuterungen Verständnishilfen, informieren über den Bezugsrahmen der einzelnen Ausstellungsstücke und ermöglichen, mehr als nur den Reiz des Exotischen zu entdecken, im Fremden Vertrautes zu finden, in den Zeugnissen der Vergangenheit auch das zu sehen, was auf das Heute, die Zukunft deutet. Dieser Weg muß kein Fluchtweg sein, nicht wegführen vom Leben, er macht Lust, sich einzulassen auf fremde Objekte und das eigene Leben.

Die Präsentation der einzelnen Kunstgegenstände läßt ausreichende Freiräume zwischen den verschiedenen Objekten, verstellt nicht die Sicht auf die kleinen Gesten, in denen sich größere Zusammenhänge spiegeln. Der äußere Rahmen lenkt nicht ab vom Gegenstand der Betrachtung. Das von dem Corbusier-Schüler Kunio Mayekawa entworfene und pavillonartig gegliederte Museumsgebäude (für das der japanische Bildhauer und Gartenkünstler Masayuki Nagare einen traditionellen Innengarten gestaltete) besticht durch seine Zurückhaltung, Einfachheit, Klarheit, ordnet sich den Kunstgegenständen unter und entspricht ihnen.

Die schmucklosen, weißgestrichenen, mit naturfarbenen Kokosteppichen ausgelegten Ausstellungsräume sind Räume einer Stille, die keine museale ist, sind Gegenräume zu den alltäglichen, beengenden, festgelegten, den normalen, in denen Menschen sich verlieren. In diesen zunächst so fremd wirkenden Gegenräumen ist die Distanz zu den "normalen" Lebensräumen denn auch nicht zu übersehen. Der Besucher erlebt Grenzen, sieht und erfährt von Geschichten, die heute fremd klingen, sehr weit entfernt sind von den Geschichten heutigen Lebens, heutiger Lebensvorstellungen – wie die Geschichte von Kyô Shi, die Utagawa Kuniyoshi um 1846 in einer Holzschnittserie zum Thema "Beispiele kindlicher Pietät" erzählt. Kyô Shi, der im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gelebt haben soll, bewies seine beispielhafte kindliche Ergebenheit dadurch, daß er (wie der Holzschnitt vor den Hintergrund einer idealisierten Südseelandschaft zeigt) täglich mit seiner Frau aus einem entfernt gelegenen Bach Fische und frisches Wasser für seine gebrechliche Mutter holte. Als Räuber, die das Dorf von Kyô Shi überfallen wollten, von diesem Akt beständiger Liebe hörten, gaben sie ihren Plan auf und verschonten das Dorf.

Geschichten wie dieser und Bildern, die von Liebe, Hingabe und einer fern von Unterwürfigkeit realisierten Ergebenheit berichten, sieht sich der Ausstellungsbesucher immer wieder gegenübergestellt, hört von Menschen, von denen es heißt, "nach außen war er verrückt, innerlich ein Weiser", und sieht Bilder und Objekte, die nicht zuletzt auch das sein sollen: Ausdruck der Freundschaft, Zeugnisse der Verehrung des Lehrers, des Meisters, des Wissens, Beispiele für menschliches Suchen nach Einheit, Vollendung, Einklang mit der Natur. Zu spüren ist in diesen differenzierten Bereichen der Kunst und des Lebens auch etwas von dem, was Wen Cheng-ming in seinem "Narzissengedicht" als Qualität des Gegenstands seiner Betrachtung und Liebe so beschreibt: "Sie erscheint zerbrechlich, doch im Innern ist sie fest." Das Einlassen auf solche Zerbrechlichkeit: auch eine Möglichkeit, "fest" zu werden.