Von Rolf Zundel

Bonn, im Dezember

Julius Steiner, dessen Behauptung, seine Stimme sei beim Mißtrauensvotum 1972 gekauft worden, einst die Koalition zum Zittern gebracht hatte, verkörperte nur noch gepflegte Unscheinbarkeit. Ein kleiner, etwas gebeugten Mann, im feinen dunkelblauen Anzug mit Ziertaschentuch – so saß er da, als der Richter ihm seine vielerlei Darstellungen vorhielt: wie, wann und wo er die 50 000 Mark vom damaligen SPD-Fraktionsgeschäftsführer Karl Wienand bekommen haben wollte. Stundenlang zitierte der Richter aus den Protokollen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Steiners immer noch volles Mondgesicht leuchtete freundlich und still.

Manchmal wäre er wohl gern bereit gewesen, dem Richter zuzustimmen und selber etwas zu erzählen – obwohl sein Verteidiger ihm geraten hatte, von seinem Recht der Aussageverweigerung Gebrauch zu machen. Einmal, als Steiner zu einer breiteren Erörterung ansetzen wollte, hielt ihn sein Rechtsbeistand mit sanftem, aber festem Druck auf den Arm zurück. Und bei der Frage, ob in den Protokollen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses auch alles richtig wiedergegeben sei, sagte ihm der Verteidiger, der die Steinerschen Versuchungen gut zu kennen schien, fast barsch die knappe Antwort vor: "Nach meiner Erinnerung ja."

  • Vermutlich hat Steiner nichts so sehr in Schwierigkeit gebracht wie sein Mitteilungsdrang, der sich, durch keinen Anwalt gebremst oder gesteuert, vor dem Untersuchungsausschuß und vor Journalisten verströmt hatte. Da gab es Schilderungen über sein Treffen mit Wienand, die druckfrisch aus Groschenromanen hätten stammen können, zum Beispiel die: "Wie hat er mir damals im Augenblick der Geldübergabe leid getan, als er, bleich im Gesicht und fast tonlos, murmelte, "einer muß ja die Drecksarbeit machen’." Da finden sich viele, weniger glanzvolle Einlassungen vor dem Untersuchungsausschuß, wie die folgende: "Ich bin zu ihm gegangen, und er hat gesagt, ‚Herr Kollege, die Sache ging ja in Ordnung, wir haben Ihnen zu danken, hier sind Ihre Sachen‘."

Leider paßten die vielen Geschichten nicht ganz zusammen. Die Angaben über die Uhrzeiten schwankten; Steiner lokalisierte Wienands Büro zunächst im falschen Stockwerk; die große, blonde Sekretärin Wienands, die er im Vorzimmer gesehen haben wollte, war in Wirklichkeit grauhaarig und eher mittelgroß; seine Erinnerung an die Inneneinrichtung von Wienands Zimmer war erwiesenermaßen falsch. Und vor allem: zu jener Zeit, da Steiner angeblich Wienand allein in dessen Büro traf und von ihm die 50 Eintausend-Mark-Scheine in einem DIN-A 5-Kuvert erhielt, wurde dort laut und eher tumultuarisch der Abstimmungserfolg gefeiert. Wienand selber aber war, wie er behauptet und wie eine Reihe von Aussagen zu bestätigen scheinen, an diesem Tag gar nicht in seinem Dienstzimmer. Deshalb kam die Staatsanwaltschaft zu dem Schluß, Steiners "Bekundungen über Ort, Zeit und Umstände der angeblichen Geldübergabe" seien "unrichtig", und deshalb muß er sich jetzt wegen Falschaussage vor dem Bonner Amtsgericht verantworten.

Ursprünglich hatte der Pressesprecher des Gerichts befürchtet, kein Raum könnte groß genug sein für die Verhandlung; als sie eröffnet wurde, waren im kleinen, fast familiären Saal 136 noch eine ganze Reihe von Sitzen frei. Wer gekommen war, um den stürmischen Wellengang der Zeitgeschichte nachzuerleben, wurde enttäuscht; da wurde nur eine kleine sumpfige Insel im Brackwasser der Geschichte vermessen. Zwar sind Politiker erheblichen Kalibers als Zeugen vorgeladen, von Ehmke bis Wehner, zwar saß ein Mann vom Verfassungsschutz im Gerichtssaal, mit dem sich Steiner in der Pause angelegentlich unterhielt, aber das Gericht scheint sich jeden Ausflug in die große oder gar geheimnisvolle Politik versagt zu haben. Selbst die Frage, ob Steiner damals die 50 000 Mark bekommen hat, scheint nur noch am Rande zu interessieren. Es geht eigentlich nur darum, ob Steiner seine Aktivitäten am 27. April 1972 fahrlässig oder vorsätzlich falsch dargestellt hat.