Vlado Kristls Lyrischer Anarchismus

Von Martje Grohmann

Seit Vlado Kristl, der 1963 wegen seines obrigkeitsfeindlichen Kurzfilmes "Der General" der Verhaftung in Jugoslawien knapp entging und nach Bayern floh, keine Filme mehr dreht, ist die deutsche Filmkunst um vieles ehrbarer geworden. Kristl war in den sechziger Jahren ein Fixpunkt, an dem die Filmemacher sich orientieren mußten, denn er nahm in seinen Spielfilmen "Der Damm" (1964), "Der Brief" (1966), "Film oder Macht" (1970) und "Obrigkeitsfilm" (1971) den Film selbst aufs Korn, prangerte seine hierarchischen Strukturen an, seine unselige Verquickung mit dem Kommerz, seine publikumsverdummende Gefälligkeit – seine veraltete Form.

Im anarchischen Einzelkampf versucht er, die Welt in Ordnung zu bringen oder wenigstens diejenigen, die in Reih und Glied gehen, von denjenigen abzusondern, die sich trauen, auszuscheren. In dieser unerschrockenen persönlichen Kampfhaltung, die auch vor privaten Konsequenzen nicht zurückweicht, gleicht er dem bayrischen Dichter-Filmemacher Herbert Achternbusch, der, wie Kristl von anarchischem Naturell, mit jedem Film seine Existenz aufs Spiel setzt.

Wie Kristl begreift sich Achternbusch mit ein paar Gleichgesinnten als "Mensch", als ein widerstandleistender Mensch, der die Dinge tut, vor denen die anderen sich fürchten. In seinem eben fertiggestellten Film "Servus Bayern" sieht er sein Stammland von einer riesigen Eisdecke überzogen, und "um dieses riesige Eis einen Grünstreifen, den sogenannten Lebensrand, auf dem er sich selber wähnt mit ein paar Freunden".

Doch im Gegensatz zu Achternbusch geht Kristl auf totalen gesellschaftlichen Umsturz aus. Er kämpft gegen die bestehenden Machtverhältnisse und ihre Kulturprodukte – und spürt darüber hinaus eigene Gesetze auf, die in seinem Sinne den Menschen wirklich menschlich machen, ihm die Maske herunterreißen und ihn zu eigener Verantwortung aufrütteln.

Im Filmjahr 1977, wo die gespannte, innenpolitische Situation Kampf auf der Leinwand nur in historischem Gewand oder in Form eines "Mädchenkriegs" zuläßt und das allgemeine Unbehagen über die lauen Literaturfilmchen, mit denen abgespeist werden, wächst, wirkte die Wiederaufführung von Vlado Kristls "Der Brief" beim Münchner Filmtreffen, wie ein erquickendes Bad.