Kritik, durch Höflichkeit gebremst

Von Dieter G. Zimmer

Eine der typisch deutschen Eigenschaften besteht zweifellos darin, daß wir uns mit Vorliebe fragen, welche in den Augen anderer denn die typisch deutschen Eigenschaften sein mögen. Es muß da einiges an Unsicherheit mitspielen: Machen wir es auch richtig? Sind wir nun endlich beliebt? Wohlig sonnen wir uns in den guten Meinungen der anderen; fallen sie aber, wie in letzter Zeit wieder, kritischer aus, werfen wir uns. am liebsten mit dem Stolz der Verkannten trotzig in die Brust und stopfen uns die Ohren zu. Während doch ein stabileres Selbstbewußtsein bei Lob wie bei Tadel vor allem fragte: Und was ist daran wahr?

Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Bonn ermöglicht ausländischen Wissenschaftlern einjährige Forschungsaufenthalte in Deutschland. Am Ende des Jahres werden sie um Erfahrungsberichte gebeten. Zum erstenmal seit 1963 wurden 1976 wieder 295 dieser Aufsätze systematisch ausgewertet, um aus ihnen zusammenzusetzen, welches Deutschland-Bild die Gäste davongetragen haben. Die Studie, verfaßt von Barbara Goth, erschien soeben im Verlag Dr. Josef Raabe, Bonn.

Also, was halten sie von uns? Wie sehen wir aus in ihren Augen?

Wie üblich bei statistischen Erhebungen muß man zunächst die Spielregeln darlegen und so falschen Schlüssen vorbauen.

Es handelt sich um keine Fragebogenaktion mit standardisierten Vorgaben. Gewünscht waren Aufsätze, deren Schwerpunkte die ausländischen Gäste mehr oder weniger selber setzen konnten.