Von Ralf Dahrendorf

Die EG-Regierungschefs hatten bei ihrem Europäischen Rat in dieser Woche neben vielem anderen den Vorschlag zur Schaffung des Tindemans-Fonds auf ihrer Tagesordnung. Das ist beinahe schon das letzte Überbleibsel des vom belgischen Ministerpräsidenten Tindemans vorgelegten Berichtes über die Erfordernisse und Möglichkeiten der Gemeinschaft; und auch dieser Rest ist einstweilen keineswegs klar. Der Fonds, um dessen Schaffung es geht, soll wenigstens drei Funktionen haben, die sich nicht leicht vereinbaren lassen: Er soll Mittel zur Werbung für Europa bereitstellen; er soll den Austausch vor allem von jungen Menschen finanzieren helfen; und er soll dazu beitragen, den Kontakt von Wissenschaft und Politik in Europa zu stärken.

Das dritte Thema ist auch’sonst aktuell. Vor kurzem hat auf Anregung der Ford-Foundation in Versailles ein Treffen stattgefunden, das sich mit der Schaffung einer europäischen Institution für Politikstudien befaßte. Die Ford-Foundation verfolgt das Thema weiter und sucht dabei die Unterstützung von Regierungen; die französische und die britische Regierung haben ihr Interesse bereits angedeutet. Dabei wird die britische Haltung nicht zuletzt durch die seit anderthalb Jahren andauernde Londoner Diskussion um die Schaffung dessen bestimmt, was inzwischen allgemein ein "britisches Brookings" genannt wird. "Die Gründung eines britischen Brookings könnte nicht nur das Niveau der politischen Entscheidungsvorbereitung in Whitehall verbessern, sondern würde als Symbol der Macht der Ideen und der Anwendung der Vernunft auf die Lösung von Problemen dastehen", schrieb die Times am 4. Mai dieses Jahres. Die Financial Times bekräftigt am 22. November: "Gesucht: ein Laboratorium für Reformen."

Es ist nur fair, daß ich mein Interesse an diesen Fragen vorweg erkläre: Der Leitartikel der Times trug die Überschrift "Dr. Dahrendorfs Brookings". Doch will ich hier nicht Propaganda in eigener Sache machen, sondern im Hinblick auf die Pläne eines europäischen Brookings die Fragen prüfen: Was? Warum? Wie?

Worum geht es bei diesen Plänen? Die Brookings Institution in Washington, die in dieser Woche ihren 50. Geburtstag feiert, hat ihre guten und schlechten Zeiten erlebt. Aus der Verschmelzung von drei Forschungseinrichtungen hervorgegangen, ist sie zu einem Ort der politiknahen Forschung geworden, an dem in relativer Unabhängigkeit von der Regierung (nicht mehr als 15 Prozent aller Mittel dürfen aus öffentlichen Quellen kommen) politisch relevante Themen untersucht werden. Das war in jüngerer Zeit besonders wirksam unter republikanischen Präsidenten – teils, weil die Republikaner in der Regel ein besonderes Programmdefizit haben, teils aber auch, weil die Forscher selber von demokratischen Präsidenten gerne in die Administration geholt und mit wichtigen Aufgaben betraut werden.

Das alles läßt sich auf Europa nicht übertragen. Das in and out-System der amerikanischen Staatsverwaltung gibt es in der Alten Welt nicht. Allenfalls gibt es Berater im Umkreis der Regierenden: in der Bundesrepublik vor allem Beiräte in Hülle und Fülle; in Frankreich die "Kabinette" der Minister und vielleicht das immer weniger politische Commissariat au plan; in Großbritannien den von Premierminister Heath geschaffenen Central Policy Review Staff und die persönlichen Berater von Ministern.

Bei einem europäischen Brookings ginge es also nicht in erster Linie um einen Ort, an dem die gerade nicht Verwaltenden überwintern können, sondern eher um einen Ort für politikzugewandte Forschung, besonders im Bereich der politischen Ökonomie unter Einschluß von Aspekten der Sozialforschung wie der Institutionenanalyse. In jedem Fall wäre kennzeichnend für eine solche Einrichtung: daß die Forschungsthemen sich nicht aus dem Gang der Wissenschaft, sondern aus den Erfordernissen der Entscheidung ergeben; daß die Forschungsorientierung ebenso synthetisch wie analytisch ist, also unter Umständen Fragen beiseite läßt, um vorhandene Erkenntnisse rechtzeitig für bestimmte Zwecke aufzubereiten; daß ein Kontakt zu Entscheidungsinstanzen hergestellt wird, der es diesen verbietet, an den Ergebnissen der Forschung einfach vorbeizugehen. Es ist eine beachtliche Sammlung von Funktionen. Warum soll das alles sinnvoll sein?