Von Heinrich Böll

Während sich die Auseinandersetzung mit Hitler in immer höheren und damit immer feineren Gefilden verliert, vergißt man jene denkwürdige Menschensorte, die man ohne Einschränkung Nazis nennen muß, eine deutsche Variante des homo sapiens ohne die Hitler seine Karriere nicht hätte machen können. Wo soviel Grausiges geschehen ist, von dem kaum einer "etwas gewußt", das keiner "gewollt" hat, fragt sich einer natürlich, wer hat denn getan, was kaum einer gewußt und gewollt hat? Wer etwa war "gewissenhaft" genug, die mörderischen Befehle auszuführen und "gewissenlos" genug, mit einem Sack voller Goldzähne als Kriegsbeute heimzukehren? Die Rede ist von –

Edgar Hilsenrath: "Der Nazi & der Friseur", Roman; Literarischer Verlag Braun, Köln, 1977; 424 S., 28,– DM.

Hilsenrath nennt seinen Helden schlicht einen Nazi, Das ist wohltuend, wenn auch unakademisch. Denn, was vulgo Nazis waren (und sind), sind natürlich historisch-objektiv die Nationalsozialisten, damit, durchaus korrekt, auf eine Weise veredelt, über die man streiten kann.

Hilsenrath bedient sich nachweisbar historischer Fakten: des Antisemitismus, der Arisierung, der Morde in den Konzentrationslagern, des politischen und moralischen Wirrwarrs der Nachkriegsjahre. Seinen Helden, diesen grausigen Max Schulz, der einen abenteuerlichen Weg des Überlebens findet, könnte man sich vor den Schranken eines KZ-Prozesses vorstellen: gebrochen, grau, ein zittriger Pensionär, der nach dem Krieg wieder Haare schnitt und Bartstoppeln rasierte; vielleicht mitleiderregend, weil keiner ihm so recht zutrauen würde, daß er getan hat, was er getan hat. Kein Höss, kein Himmler, kein Heydrich, kein Eichmann – schweigen wir von Hitler, den man mal eine Weile vergessen sollte, um sich der Nazis erinnern zu können – ein blutrünstiger, brutaler XY, den man am besten, gar nicht soziologisch einordnet, weil sich die eine oder andere Gesellschaftsschicht zu sehr belastet oder entlastet fühlen könnte. Anfällig für verschwommene Parolen, auch für deren Opportunität, tausendfacher Mörder, der mit seinem Sack voller Goldzähne heimkehrt.

Ich gestehe, daß ich die Ekelschwellen in den ersten Kapiteln des Buches nur mühsam überwunden habe; später glaubte ich mir über deren Funktion klar zu sein. Ein Dickicht von Greueln und Abscheulichkeiten, durch die man hindurch muß, notwendigerweise; nein, nichts Edles, weder Edelnutten noch Edelnazis, keine Andeutung von Nachkriegsromantik. Die Vorkriegsnutte Minna Schulz, Max’ Mutter, die einbeinige SS-Witwe Frau Holle, die sich ums lieben Fressens willen für einen Ami hinlegt; die polnische Hexe Veronja (kein "schönes Polenkind" und weder jung noch prüde); die Berliner Schwarzmarktgräfin; dieser Schulz, der von der Familie Finkelstein als Junge nur Gutes erfuhr, mit in die Synagoge ging, Hebräisch und Rituelles lernte, von Finkelstein zu einem guten Friseur ausgebildet wurde und doch seinen Jugendfreund Itzig und die ganze Familie Finkelstein umbrachte. Damit sind die düstersten Märchen mit zeitgeschichtlichem Material ausgestattet, der Nazi Schulz, der wie ein Jude, der Jude Itzig Finkelstein, der wie ein reiner Arier aussieht; der amerikanische Major, der’s mit zweibeinigen Frauen nicht mehr kann, mit der einbeinigen Frau Holle aber ein bißchen zu ausgiebig der einbeinigen Venus opfert, stirbt, tagelang als Leiche im Keller liegt, bevor der routinierte Max Schulz, der neben ihm seinen Sack mit Goldzähnen abstellt, ihn "diskret beseitigt" – obszön das alles und grotesk, doch nicht einmal in Ansätzen pornographisch; brutal, "übertrieben" – und nirgendwo schlüpfrig; umgekippte Märchenfiguren, bis zum Äußersten unhold, in äußerst unholden Verhältnissen. Vielleicht ist das die einzig mögliche Antwort auf die penetrante Versachlichung, die so viele Sachen ausläßt: Goldzähne zum Beispiel, auf die man vielleicht den Dietrich-Song variieren könnte: Sagt mir, wo die Zähne sind, wo sind sie geblieben? Wer weiß schon, wieviele Nachkriegsvermögen – und -Karrieren auf so unholdem Besitz gegründet wurden?

Wahrscheinlich ist es gut, daß Hilsenraths Buch erst jetzt erscheint, wo die Versachlichung der Nazizeit an so vielen Sachen vorbeisieht.