Mit 8634 bei Tieren registrierten Fällen hat die Wildtollwut 1976 in der Bundesrepublik ihren höchsten Stand erreicht. In allen europäischen Ländern sowie in Nordafrika greift diese für Mensch und Tier bedrohliche Seuche immer mehr um sich. Um energische Maßnahmen zur Eindämmung der Virusinfektion bemühten sich Ende November Veterinäre auf der zweiten Tollwut-Konferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Frankfurt.

Bereits vor neun Jahren hatten sich die Tiermediziner dort zusammengefunden, um ein "Anti-Fuchs-Programm" zu beschließen, denn der Fuchs gilt noch immer als eigentlicher Überträger. Um die Infektionskette zu durchbrechen, so meinten Mediziner, Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker einhellig, bleibt in freier Wildbahn außer dem vermehrten Abschuß der Füchse nur die Begasung ihrer Bauten.

Die silvatische – in Wald und Feld verbreitete – Form der Tollwut wird in unseren Regionen ausschließlich vom Rotfuchs ausgelöst, betonten die Fachleute. Nur im Osten und Südosten Europas übertragen Hund und Katze die sogenannte urbane Tollwut.

Die Tollwut ist die bedeutendste vom Tier auf den Menschen übertragene virusbedingte Krankheit; sie verläuft in der Regel unter langen Qualen tödlich. Nur Patienten, die sich sofort nach dem Biß eines tollwutbefallenen Tieres impfen lassen, können gerettet werden.

Als seuchenfrei gelten in Europa nur die skandinavischen Länder mit Ausnahme von Dänemark, ferner die britischen Inseln, Malta, Portugal und Zypern. In den letzten fünf Jahren, so hieß es auf der Tagung, wurden im europäischen Raum noch etwa 100 000 Tollwut-Fälle bei Tieren bekannt. Mehr als eine Million Menschen ließen sich gegen die Krankheit impfen. Dennoch starben von 1972 bis 1976 rund 500 Europäer an Tollwut.

Zu den Frankfurter "Tollwut-Beschlüssen" gehört zunächst der Entschluß, den Fuchsbestand drastisch zu verringern. Der beängstigenden Überpopulation, so meinen die Fachleute, kann durch Jagd allein längst nicht mehr Einhalt geboten werden. Die Begasung der Fuchsbauten – von Tierschützern als Tierquälerei angeprangert – soll daher verstärkt praktiziert werden. Andere Aktionen wie die "Schluckimpfung" unter den Füchsen durch Beigabe von Impfstoffen in Ködern hatten bisher nur geringe Erfolge. Einige Fachleute sind der Ansicht, die schwer abzuschätzende Zahl der Füchse in den europäischen Gebieten müßte um 80 Prozent gesenkt werden. Durch Jagd allein sei der gefährliche Fuchsbestand aber nur um 30 Prozent zu verringern.

Dagegen ist die Bekämpfung der urbanen Tollwut viel unproblematischer. Bahnbrechend war die Entwicklung eines Gewebskultur-Impfstoffes aus menschlichen Zellen mit normalem Chromosomensatz (sogenannte HDC-Vakzine). Die neue Schutzimpfung ist gut verträglich, aber auch sehr aufwendig – eine vorbeugende Behandlung kostet 300 Mark, eine Behandlung nach der Infektion tausend Mark. Renate Zeis