Amerikaner zerstreuen Befürchtungen ihrer Partner

Von Lothar Ruehl

Brüssel, im Dezember

In diesem Jahr, so meditierte der Generalsekretär des Bündnisses Joseph Luns am Nikolaustag im Allianzhauptquartier vor den versammelten Verteidigungsministern, seien zum erstenmal seit langer Zeit "die Warnungen nicht ungehört verhallt". Der neue Vorsitzende des Nato-Militärkomitees, der norwegische General Gundersen, attestierte dem Verteidigungsministerausschuß, daß "der. Ausblick nicht düster" sei. Er setzte sich damit von seinem britischen Vorgänger Hill-Norton ab, der vor einem Jahr die Minister mit einer einseitig negativen Bilanz des militärischen Kräfteverhältnisses zwischen Ost und West schockiert und auch etwas düpiert hatte.

Wenn Joseph Luns, noch beim Aufstieg auf den Londoner Allianzgipfel im vergangenen Frühjahr skeptisch wie zuvor, nun wirkliche Fortschritte sah, so vor allem deshalb, weil Präsident Carter die europäischen Verbündeten zu einer gemeinsamen Anstrengung gebracht hat, die ohne seinen Londoner Auftritt wohl nicht so ausgefallen wäre. Zwar steht noch nicht fest, ob sie bis Mitte der achtziger Jahre tatsächlich auch die anvisierten soliden Resultate zeitigen wird. Die Alliierten sind im Lavieren und Manövrieren seit langem wohl geübt. Immerhin sind sie alle von jenem heilsamen Schrecken erfaßt worden, den amerikanische Überlegungen für eine Absetzbewegung nach Westen im Kriegsfall bis nahe an die Grenze Hollands, Belgiens und Frankreichs ausgelöst haben.

Der US-Verteidigungsminister Gerald Brown beruhigte die Bundesgenossen jetzt wieder: Amerika bleibe bei der energischen Vorneverteidigung auf deutschem Boden so grenznah wie möglich. Es bleibe auch bei der Strategie der flexiblen Abwehr mit den dazu notwendigen Kräften und Waffen. Die amerikanischen Kernwaffen würden unverändert, allerdings technisch und in ihrer militärischen Operationswirkung verbessert, in Europa und für Europa bereitgehalten, um den Nato-Teil des Kontinents wirksam gegen Angriff und Drohung abzudecken. Die nukleare Abschreckung würde weder relativiert noch durch eine Lostrennung der Sicherheit Westeuropas von der Nordamerikas differenziert.

Dabei trat Brown als "Mister drei Prozent" der Nato auf. Gleich bei seiner Ankunft forderte er öffentlich, daß die Alliierten realiter drei Prozent mehr für die gemeinsame Verteidigung ausgäben. Bundesminister Georg Leber sagte vorsorglich, die deutsche Rüstungsplanung decke sich im großen und ganzen mit den Planzielen der Nato für das nächste Jahrzehnt. Inoffiziell fügte er hinzu, daß nun aber die "politische Grenze" des für die Allianz und Europa erträglichen Rüstungsumfangs der Bundesrepublik erreicht sei. Es gelte nicht nur ein militärisches Gleichgewicht zu Osteuropa zu bewahren, sondern ein Gleichgewicht auch in Westeuropa und im Bündnis. Die massive westdeutsche Militärsilhouette wirft ja in der Tat einen schweren politischen Schlagschatten auf die Gemüter. Gute Figur machen, ohne den Raum allein zu füllen – das ist jetzt die wichtigste psychologische Aufgabe der Deutschen im Bündnis geworden.