Immer wieder wird den Schulen und Universitäten vorgeworfen, sie klärten die Jugend über die jüngste Geschichte, Weimarer Republik und Drittes Reich zuwenig auf.

Von Werner Klose

Abitur an einem holsteinischen Gymnasium, Sommer 1977. Unsere jüngste Tochter ist zufällig dabei. Sie hat sich auf die Geschichte der Weimarer Republik und der NS-Diktatur vorbereitet. Denn diese Unterrichtseinheit dominierte stark in ihrem letzten Kurs vor der Reifeprüfung. Ein Lehrervater soll seine Kinder weder selbst prüfen noch bei der Prüfung stören; ich hörte mir also andere Prüfungen an, und in allen war der Nationalsozialismus zum Teil Mittelpunkt, mindestens aber durch Vergleich oder Rückblick wesentlicher Bestandteil des Prüfungsgesprächs.

In der Frühstückspause sitzen einige Geschichtslehrer beisammen. Jemand sagt nachdenklich: „Sicher, es ist gut, daß die jungen Leute noch einigermaßen über Weimar und den Nationalsozialismus informiert sind. Aber darf unsere Generation ständig auf Kosten dieser Jugend ihre eigene Vergangenheit bewältigen? Wenn diese Zwanzigjährigen so alt sind wie wir, sind sie doch mit völlig anderen Problemen konfrontiert!“

Die meisten stimmten, wenn auch differenziert, dieser grundsätzlichen Kritik zu. Jede Generation lernt Geschichte kennen aus dem Blickwinkel einer älteren Generation, die wiederum an der Universität bei Lehrern einer noch älteren Generation studierte. Friedrich Schlegel, der geistreiche Romantiker, hat einmal den Historiker einen „rückwärts gekehrten Propheten“ genannt. Müßte der Historiker, obwohl er dann noch mehr im dunkeln tappen würde, als bei vergangenen Epochen, nicht um der Jugend willen, die er unterrichtet, auch ein „vorwärts gekehrter Prophet“ sein?

So bleiben aus dem Gespräch einige didaktische Widerhaken unter Fachleuten zurück. Aber dann die neue „Hitler-Welle“. Sie begann mit einem Film, einem Buch und einer Heilpraktikerin. Alle drei erwiesen sich sofort als besonders griffig für die Massenmedien, im Inland und erst recht im Ausland.

Der Hitler-Film von Fest wurde im gewiß nicht „faschistoiden“ Spiegel positiv angezeigt: „Zum erstenmal befreien bundesdeutsche Filmer den zum Zelluloid-Monster degenerierten Führer von den Denkschablonen antifaschistischer Aufklärungsfilme und entwerfen ein glaubwürdiges, auch historiographisch zuverlässiges Bild von Hitler und seiner Epoche.“ Bald behaupteten Publizisten, für die vielen Jugendlichen, die diesen Film sähen, sei er sicherlich nicht ungefährlich. Denn inzwischen hatte der Diplom-Pädagoge Dieter Boßmann, also kein Geschichtslehrer, eine abenteuerliche Zitatensammlung aus Schüleraufsätzen als Fischer-Taschenbuch publiziert: „Was ich über Adolf Hitler gehört habe.“