Die Spekulationslust ist in den deutschen Börsensälen ungebrochen. Am deutlichsten zu merken an den Kursschwankungen der sogenannten Restquoten der ehemaligen deutschen Großbanken. Bei den "Billig-Papieren" schlagen geringe Kursveränderungen prozentual kräftig zu Buch. Kursgewinne sind – da unter bestimmten Umständen steuerfrei – bei Börsenspekulanten beliebter als noch so stolze Renditen.

Die Körperschaftssteuer-Reform, meine verehrten Leser, ist im Ansatz vernünftig, in der Durchführung kompliziert. Nicht nur die Kreditinstitute, auch die Aktionäre selbst müssen sich an die Veränderungen gewöhnen. Die Aktionäre der Mercedes-Holding haben jetzt Gelegenheit bekommen, erste Erfahrungen zu sammeln. Sie erhielten eine Bardividende von 6,08 Mark. Wer nicht von der Kapitalertragsteuer freigestellt ist, erhielt nur 4,46 Mark ausgezahlt. Erstmals gab es aber eine Steuergutschrift von 3,42 Mark, die zusammen mit der Kapitalertragsteuer von 1,52 in der Einkommensteuererklärung für 1977 geltend gemacht werden kann.

Wer also "vergißt", seine Mercedes-Dividende in der Einkommensteuererklärung anzugeben, verzichtet auf 4,94 Mark oder auf 52 Prozent der Gesamtausschüttung von 9,50 Mark. In der Regel wird sich also Vergeßlichkeit nicht mehr auszahlen, wenngleich es ärgerlich ist, auf die effektive Gutschrift von Kapitalertragsteuer und Steuergutschrift bis Ende kommenden Jahres, wenn nämlich der Steuerbescheid für 1977 ins Haus flattert, warten zu müssen.

Dieser langwierigen Prozedur wollen sich künftig etliche Aktienfreunde entziehen, indem sie ihr Glück bei Kursgewinnen suchen, die – wenn zwischen An- und Verkauf des betreffenden Papiers mehr als sechs Monate liegen und die Aktien zu einem Privatvermögen gehören – auf alle Fälle steuerfrei bleiben, ja nicht einmal dem Finanzamt gemeldet werden müssen.

Nun genügt es natürlich nicht, auf Kursgewinne zu spekulieren; sie müssen sich auch einstellen. In Zeiten aufwärtsstrebender Tendenz sind die Chancen dafür gar nicht einmal so schlecht, wenn auch niemand die Risiken unterschätzen sollte.

Wir haben uns an dieser Stelle schon mehrfach über den sensationellen Anstieg der in der Einleitung zitierten Restquoten der ehemaligen deutschen Großbanken unterhalten. Sie wissen deshalb, meine verehrten Leser, daß diese Papiere keine realen Werte repräsentieren, sondern im wesentlichen nur die Ansprüche auf enteignete Vermögenswerte in der DDR und in den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Gleichwohl versucht eine Spekulationsgruppe, – Stimmung für diese Papiere zu machen. Sie setzt ständig neue Gerüchte in die Welt. In ihrem Mittelpunkt stehen die Restquoten der Dresdner Bank. Obwohl der Vorstand des Instituts in der vergangenen Woche noch einmal deutlich erklärte, daß weder mit einer "Abfindung" der Restquotenbesitzer gerechnet werden könne, noch mit einer Fusion zwischen der Alt- und Neubank, noch mit einer Ausschüttung, stieg der Kurs der Dresdner Bank "reste" vorübergehend auf 52 inzwischen ist er auf 45 gesunken. Gleichwohl hat sich ihr Wert seit Jahresbeginn um über 2800 Prozent erhöht.