Von Hermann Gläser

Mit den immer noch viel zu wenigen selbstverwalteten Jugendzentren, immerhin den wichtigsten Probierfeldern für kulturelle und gemeinschaftliche Interessen, kann die Bundesrepublik nicht viel Staat machte. Nach einem von dem Norweger Finn Jor für den Europarat verfaßten Erfahrungsbericht über "alternative Kultur" rangieren wir ziemlich weit hinten. Es gibt die Hamburger Fabrik, die Wuppertaler Börse, es gibt das KOMM in Nürnberg und das Esch-Haus in Duisburg, die Lagerhalle in Osnabrück, das Pumpenhaus in Wilhelmshaven und ein ‚paar andere: lauter Versuche, Kultur und Kommunikation, Geselligkeit und soziale Verantwortung zu verbinden und das eine für das andere zu nutzen.

Diese Häuser sind ausdrücklich nicht identisch mit den gewienerten Jugendpalästen, diesen mehr mit Regeln und Verboten als mit Stimulanzien ausgestatteten, nicht selten von grimmigen Hausvätern bewachten Häusern. Sie sind weder konventionelle Kulturhäuser noch Kneipen, sondern vor allem: Treffpunkte. Unter sich sein zu können, ist für eine im Umgang mit Kultur, oder: mit der Welt untrainierte Jugend die wichtigste Voraussetzung. Die Eltern kommen mit ihnen oft nicht zurecht, die Lehrer wahren Distanz, die Kommunalverwaltungen behandeln sie mehr mit Argwohn als mit Zuneigung, die Stadtverordneten sind mißtrauisch und selten bereit, solche Bemühungen (finanziell) zu unterstützen oder auch nur mit Worten zu fördern. Einer, der damit eine Menge Erfahrungen gemacht hat, ist der Nürnberger Kulturdezernent Dr. Hermann Glaser, der hier darüber berichtet.

Im Gegensatz zur Zeit vor ein paar Jahren, da die Jugendzentrums-Bewegung als späte Woge der Protestströmung allenthalben um sich griff und viel Engagement herbeibrachte, sind die Versuche in diesem Bereich der Jugendarbeit an den Fingern zweier Hände abzuzählen – und auch dann noch sind die Strukturen höchst unterschiedlich (zudem die Einrichtungen nicht nur auf Jugendliche beschränkt sind).

Gemeinsam ist ihnen, daß sie kein Ansehen haben. Die um Selbstverwaltung ringenden oder Selbstverwaltung mühsam praktizierenden Jugendzentren sind nämlich im besonderen Maße von einer Gesellschaft zu Sündenböcken auserkoren, die ihrer Frustrationen und Aggressionen wenig Herr wird und sie so zu überspielen versucht. Obwohl ohne quantitative Bedeutung, kann man mit der Diffamierung von selbstverwalteten Jugendzentren die Ängste vor dem Linksradikalismus beleben und die Gefährdung der Freiheit durch den Sozialismus mit Hilfe langhaariger Typen und deren Gespielinnen behaupten.

Das lautet dann etwa so wie im kommunalen Wahlkampfprospekt einer staatstragenden Parhat gemeint ist die CSU: nicht Zweite Weltkrieg hat auch dieses Gebäude nicht verschont. In der ersten Nachkriegszeit wurde es provisorisch für Besatzer-Klubzwecke genutzt. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: ein AMI-KOMM... An Stelle der whiskygeschwängerten Amis stehen nun Dealer vor dem KOMM. Drinnen toben sich linksradikale Gruppen aus."

Diejenigen, die sich auf kommunaler Seite für Selbstverwaltung einsetzen, tun dies mit dem Rücken zur Wand – auch wenn es natürlich rührende Gegenbeispiele gibt; so etwa, als (siehe "Fabrik-Zeitung" 1. März 1977) der imagebedachte Hamburger Senator Biallas bei einem Teller Erbsensuppe vor den noch rauchenden Trümmern der niedergebrannten "Fabrik" schnelle Hilfe für den Wiederaufbau versprach. Ansonsten wird man von Oberstadtdirektoren, Oberbürgermeistern, Kultusministern, Staatssekretären, Gemeinderäten und so weiter keine besonderen Lobpreisungen für die Experimente jugendlicher Selbstverwaltung hören können – wenn’s um die konkreten Projekte vor der Tür des Rathauses geht; denn dort liegen sie ja meist: entwickelt in alten, fast immer heruntergewirtschafteten Gebäuden, die, als stadtökologische Nischen, zur Sanierung anstünden.