Verbrauchsgüter rangieren immer noch weit hinten

Von Joachim Nawrocki

So groß auch die Überraschung war, als bekannt wurde, daß das Volkswagenwerk 10 000 VW Golf in die DDR liefern will – dieses Geschäft birgt noch weitere Überraschungen, Sowohl wirtschaftliche als auch politische Folgen mit möglicherweise weitreichender Wirkung sind nicht ausgeschlossen. Wirtschaftlich könnte dieser 90-Millionen-Mark-Tausch von Ware gegen Ware der Auftakt zu der "Erhöhung der Exportkraft" und zu der damit verbundenen Steigerung des Handelsaustausches der DDR mit westlichen Ländern sein, die auf der jüngsten Tagung des SED-Zentralkomitees angekündigt wurde. Politische und ideologische Komplikationen aber sind nicht ausgeschlossen, weil mit diesem Geschäft das Konsumdenken der DDR-Bürger endgültig auf den westlichen Lebensstandard fixiert wurde.

Über die Motive, die die DDR-Führung zu diesem spektakulären Entschluß bewogen haben, kann man nur mutmaßen. Einmal soll wohl, wie schon bei der Erweiterung der Intershop-Ladenkette, dem Drang nach westlichen Statussymbolen Rechnung getragen und so der sich ausbreitenden Unlust in der DDR-Bevölkerung entgegengewirkt werden. Zum anderen mag es für die Handelsfunktionäre der DDR durchaus reizvoll gewesen sein, aller Welt zu zeigen, daß einer, der größten westdeutschen Industriekonzerne mit den DDR-Produkten, die er für seine 10 000 Golfs einhandelt, durchaus etwas anzufangen weiß. Das Image der Werkzeugmaschinen und anderen Waren aus der DDR, mit denen die Auflieferung bezahlt wird, könnte auf diese Weise aufgewertet werden.

Honeckers Versprechen

Dagegen stellt sich natürlich die Frage, warum ein Industriestaat wie die DDR nicht in der Lage ist, selbst die Nachfrage nach Automobilen zu befriedigen. Wer in der DDR ein Auto bestellt, muß sich seit jeher darauf einrichten, daß es im günstigsten Fall erst nach einem halben Dutzend Jahren geliefert wird. Die Wartezeit für den begehrtesten DDR-Wagen, den Wartburg Tourist für fast 20 000 Mark, ist sogar doppelt so lang. Natürlich geben diese Fristen nicht den tatsächlichen Nachfragestau wieder; denn da man sie kennt, bestellt jeder sein Auto schon etliche Jahre, bevor er es wirklich kaufen will. Aber fraglos sind die Kapazitäten des Automobilbaus der DDR viel kleiner als der Bedarf.

Im vergangenen Jahr produzierte die DDR nur 164 000 Personenwagen, also ein Auto auf hundert Einwohner. Die Bundesrepublik hingegen fertigte 3,5 Millionen Stück, das sind sechs Wagen auf hundert Bewohner. Und beim Bestand sieht es nicht anders aus: Nur jeder zehnte DDR-Bürger fährt, statistisch gesehen, einen Wagen, hierzulande mehr als jeder vierte. Der Grund: Die Wirtschaftspläne haben lange Jahre der Investitionsgüterindustrie der DDR den Vorrang gegeben, die Konsumgüterindustrie wurde vernachlässigt.