Ein paar Eingeweihte sprechen schon eine Weile von ihm: als einem der interessantesten unter den komponierenden Avantgardisten der Sowjetunion, auch jemandem also, der von der akademischen Konvention abweicht und sich nicht scheut, neue Musik von progressiver westlicher Machart zu schreiben. Es ist der 1934 in Engels an der Wolga geborene Alfred Garriewitsch Schnittke. Er ist zur Zeit mit dem Wilnaer Kammerorchester und den Geigern Tatjana Gridenko und Gidon Kremer in der Bundesrepublik unterwegs, die sein "Concerto grosso" spielen. Wie bei Gidon Kremer (der seine Regierung gerade um einen zweijährigen Urlaub im Westen gebeten hat) ist man auch bei der ersten Begegnung mit Alfred Schnittke zunächst vom akzentfreien Deutsch verblüfft: Seine Mutter ist Wolgadeutsche, der Vater ein in Frankfurt am Main geborener Jude russischer Herkunft. Für ihn, der zwei Kindheitsjahre in Wien verbracht hat, war diese Tournee die erste unmittelbare Berührung mit dem Westen. Landauf, landab hat er dabei dem deutschen Publikum das in diesem Jahr abgeschlossene "Concerto grosso" für zwei Soloviolinen, Streichorchester, Cembalo und Klavier vorgestellt.

Nicht überall bei uns fand es ungeteilten Beifall, ganz anders als bei der Leningrader Uraufführung im März dieses Jahres und dann in Moskau und Wilna, wo Schnittkes Novität ein bedeutender Erfolg beschieden war. Die Eigenart dieses "Concerto grosso" ist das Changieren vieler Kompositionsstile, das ständige Wechseln von traditionellen und vorwiegend durch Ligeti oder die polnische Schule bekanntgewordenen Cluster- und Glissandopraktiken, unter denen sich die Klangfarben wie im Kaleidoskop mischen. Und wie horcht man auf, wenn plötzlich eine Tango-Paraphrase inmitten eines archaischen. Stilpotpourris ihr ironisierendes Spielchen treibt.

Alfred Schnittkes noch relativ kleines Repertoire enthält einige Instrumentalkonzerte, Kammermusiken, Orchesterwerke, ferner das "Nagasaki-Oratorium" (1958), die szenische Komposition "Der gelbe Klang" (nach Kandinsky), auch eine im Sinne des instrumentalen Theaters konzipierte Sinfonie sowie ein elektronisches Stück. Alfred Schnittke widmet als freischaffender Komponist heute einen Großteil seiner Arbeit der Filmmusik. Bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen erhielt er einen Preis.

Seinen Ausbildungsweg beschrieb er humorvoll einmal so: "Meine musikalische Entwicklung verlief über Klavierkonzertromantik, neoklassizistische Schulweisheit, eklektische Synthesenversuche (Orff und Schönberg) und kannte auch die unvermeidlichen Mannhaftigkeitsproben der seriellen Selbstverleugnung. Bei der letzten Station angelangt, beschloß ich, aus dem überfüllten Zug auszusteigen. Seither versuche ich, mich zu Fuß weiterzubewegen." P. F.

In der sowjetischen Avantgardemusik gelten Sie als der jetzt führende Komponist. Wie würden Sie die Situation zu Hause umschreiben: Welche unterschiedlichen Richtungen gibt es, hat sich etwas gewandelt?

Alfred Schnittke: Man kann im Augenblick unsere Situation allgemein mit der überall in der Welt vergleichen. Man kann nicht von einer Avantgarde reden, sondern nur von Persönlichkeiten – wie man bei Ihnen Stockhausen, Cage, Ligeti, Boulez, Berio und viele andere nennen würde, so bei uns etwa Edison Denissow, Walentin Silwestrow, Rodion Schtschedrin und andere. Wir haben daneben noch viele andere Komponisten, zum Beispiel den genialen Arvo Pärt, ferner Gija Kantscheli, Tigran Kansurian, Boris Tischjenko und die Komponistin Sophia Gubaidulina. Sie sind alle um vierzig Jahre alt. Es herrscht kein einheitliches Stilprinzip vor.

Da Sie selbst ein paar westliche Komponisten genannt haben: Wie können Sie. sich in der UdSSR über deren Werke informieren?