"Ausgewählte Gedichte, 1932–1976", Von Ernst Meister. Der 1911 in Hagen-Haspe geborenere Ernst Meister ist mit dem Rainer-Maria-Rilke-Preis 1977 (fünftausend Mark) geehrt worden. Der Preis für Lyrik, vom Enkel des Dichters, Christoph Sieber-Rilke, gestiftet, wird jährlich vergeben, nicht von einer Jury, sondern vom jeweils letzten Preisträger, Meister erhielt die Auszeichnung aus den Hunden von Hilde Domin. Seit dem 1932 erschienenen Band "Ausstellung" sind rund zwanzig Bücher mit Gedichten erschienen, derend beschämend kleine Auflagen zumeist vergriffen sind. Mit dieser von Meister selber besorgten Auswahl ist endlich die Möglichkeit gegeben, in einem preiswerten, handlichen Band Meisters Entwicklung von dem in surrealistischen Vexier-Bildern schwelgenden Gedanken-Lyriker zu dem immer karger, schlichter, dabei pathetisch großartig formulierenden Dichter lesend zu verfolgen. Den einen gilt Ernst Meister als "schwierig", weil er in der rhetorischen Tradition Klopstocks, Hölderlins, Rilkes und deren "hohem Ton" steht, und in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ganz selbstverständlich so dichtet; "Himmel / gibt es am meisten / (Götter keine), / aber es gibt / dies Unglück: / Stern des Möglichen." Den andern gilt Meister als "banal", weil er immer wieder "nur" davon spreche, daß wir heute leben, morgen sterben müssen: "Hier / gekrümmt / zwischen zwei Nichtsen, / sage ich Liebe." Beides gehört aber zusammen: Meisters Rang ist gerade die Treue zu seinem Thema, immer neue, schöne, fremde, zum Nach-Denken reizende Worte und Bilder für Leben, Liebe, Tod zu finden: "Du mein / wälderreicher / Todesgedanke ... / Die Blätterzungen / flüstern / einzige Liebe." (Mit einem Nachwort von Beda Allemann; SL 244, Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1977; 122 S., 12,80 DM. Rolf Michaelis