Leverkusen: "Ernst Neiswestny, Plastiken, Graphiken, Zeichnungen"

Ein Fall ohnegleichen. Im Schloß Morsbroich zeigt Rolf Wedewer in gespielter, konstruktiver Unschuld ein bildhauerisches Schaffen, das dem diametral entgegengesetzt ist, woran bei uns seit vielen Jahren geglaubt wird. Ernst Neiswestny, der berühmte, im vorigen Jahr emigrierte, jetzt in Zürich und New York zugleich ansässige russische Bildhauer, scheint in einer Art Sisyphosarbeit das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen. Er erklärt, wenigstens für sich selbst, als ungültig: die Autonomie der Kunst, den Verzicht auf Themen und Inhalte, die Gegenstandslosigkeit, die (absolute) Abstraktion. Schon 1963 hat Neiswestny in Moskau in der Zeitschrift "Iskusstwo" (Kunst) einen Zweifrontenkrieg geführt: gegen die normative Einengung durch den sozialistischen Realismus und zugleich gegen die gegenstandslose Kunst. Er ist ein Verächter des l’art pour Part, und er befindet sich heute noch in vieler Hinsicht in Übereinstimmung mit der Moskauer Kunstpolitik. Er glaubt an den verändernden Einfluß der Kunst auf Individuum und Gesellschaft. An den Arbeiten in Leverkusen, die vor allem aus den sechziger Jahren stammen, erkennt man leicht seine Moral, sein humanitäres Pathos, seine naturphilosophische Beflissenheit: Er sucht nach Metaphern und Symbolen für unsere Zeit, ohne sich unkritischem Fortschrittsglauben und leichtfertigem Optimismus auszuliefern – gerade das hat ihm einmal denn auch den dröhnenden Tadel Chruschtschows eingetragen. Während die Bildhauer des Westens sich auf dem Felde einfachster Strukturen bis in problematische Eskalationen begeben, will Neiswestny mit beharrlichem Ethos in Stein und Bronze – ein Konservativer auch dort, wo er seine Kunst mit vibrierender Dämonie zelebriert– Aussagen über Mensch und Welt machen. Sein gigantisches Projekt, für das er schon längst ein Modell, über 850 Fragmente und "graphische Drehbücher" geschaffen hat, heißt "Lebensbaum – Herz der Menschheit", soll eine "begehbare" Mammutplastik, 50 Meter hoch, werden und die Geschichte der Menschheit darstellen. Es ist natürlich, daß er dieses Werk, das als eine Analogie zu Tempeln verstanden werden will, in der UdSSR nicht errichten konnte. Ob es nun irgendwo im Westen errichtet werden kann, ist fragwürdig, nicht nur der Kosten wegen; Zwar hat sich Neiswestnys Kunst unter dem Einfluß von Archipenko, Zadkine, Lipschitz und Moore entwickelt. Aber sein Stil ist eher der des Jahrhundertanfangs geblieben. Die Anhäufung von Menschenleibern, Kentauren, Minotauren, christlichen Symbolen wirkt oft gerade auch dort, wo etwa negative Volumina integriert sind, schwer definierbar, sagen wir barock. Da scheint, seltsam bei einem Künstler doch so tapferer, großer Entschlüsse in vielen Bereichen, eine nur zögernde stilistische Entschiedenheit mitzuspielen. Wird sich Neiswestny bei uns durchsetzen? Die Transplantation vom Osten in den Westen ist ungemein schwierig. (Schloß Morsbroich, bis 18.12., Katalog 5 Mark)

René Drommert

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Antoni Tapies – Handzeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Collagen, 1944–1976" (Staatliche Kunsthalle bis 15. Januar 1978, Katalog 17,50 Mark)

Berlin: "HAP Grieshaber" (Staatliche Kunsthalle bis 8. Januar 1978, Katalog 24 Mark)

Bielefeld: "Max Beckmann, Aquarelle und Zeichnungen, 1903–1950" (Kunsthalle bis 11. Dezember, Katalog 25 Mark)