Von Helmut Schneider

Die assyrischen Keilschrifttexte, die von Assurbanipals Feldzug gegen die Elamiter im Jahr 714 v. Chr. berichteten, enthalten auch eine Liste der in Susa "eroberten" Kunstwerke – zu den sprichwörtlichen Zeiten der alten Römer, die ihre Wertschätzung griechischer Statuen handgreiflich bewiesen, war Kunstraub also bereits ein altes Delikt. Die Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer und Gustav Adolfs Requisitionen in Bayern und Böhmen sind weitere Beispiele für den Kunsterwerb ohne Bezahlung.

Mit der Französischen Revolution erhielt der Kunstraub eine neue Qualität, er war nun politisch-ideologisch motiviert, und unter Napoleon diente die Beschlagnahme von Kunstwerken in den eroberten Gebieten (meist gegen Quittung) der Verwirklichung eines hegemonialen Programms: Paris, die Hauptstadt Europas, sollte auch zur Hauptstadt der europäischen Kunst werden. Wie die französischen Kunstkommissare operierten, gelegentlich ausgetrickst von Galeriedirektoren, die den wertvollsten Teil der erhofften Beute gerade noch rechtzeitig verstecken konnten, was sie nach Paris transportierten (oder in die eigene Tasche schoben), mit welcher Begeisterung die internationale Kunstwelt auf die Anhäufung von Meisterwerken in einem Museum, dem Louvre reagierte – das alles hat Paul Wescher recherchiert, mit kriminalistischer Perfektion bis hin zum anekdotischen Detail –

Paul Wescher: "Kunstraub unter Napoleon"; Gebr. Mann Verlag, Berlin, 1977; 183 S., 62 Tafeln mit 132 Abb., 29,50 DM.

Die Französische Revolution hatte zunächst einen beispiellosen Bildersturm ausgelöst, man enthauptete die Statuen an den Kathedralen und verbrannte Bilder feudalen Inhalts, doch dann setzte sich die Einsicht durch, die Würde der Republik verlange den Schutz der unschuldigen Kunstwerke. Nicht nur im eigenen Land, sondern überhaupt: Mit der Eroberung der Niederlande durch die Revolutionsarmeen (1794/95) wurden die von den "Despoten" zurückgelassenen Meisterwerke, lange genug "durch den Anblick der Sklaverei beschmutzt", gleich mitbefreit. Überführt in das "Vaterland der Künste und des Genies, der Freiheit und Gleichheit", erstrahlte ihr Glanz erst hell. "Im Herzen der freien Völker", so feierte ein Redner in der Nationalversammlung die Ankunft des ersten Kunst-Konvois aus den Niederlanden, "sollen diese Werke berühmter Männer ihre Ruhe finden" – es waren Bilder von Rubens und van Dyck aus Antwerpen, von Jan van Eyck, Memling und Gerard David aus Brügge (die Madonna Michelangelos in der Liebfrauenkirche wurde miteingepackt), der Mittelteil (!) des Genter Altars der Brüder van Eyck, als Probe einer immerhin diskutierbaren Malerei.

Das war nur ein bescheidener Anfang. Napoleon, noch im Dienste der Republik, hat die Befreiung der Kunstwerke aus dem feudalen Joch dann mit System betrieben, zuerst während des italienischen Feldzugs in den Jahren 1796–1798. Die Übereignung von Kunstschätzen war Bestandteil seiner Verträge mit den Besiegten. Er wußte, was er haben wollte: Kunstexperten in Paris hatten die Sammlungskataloge studiert.

So zogen Kunst-Konvois durch Europa, beladen mit Bildern, Statuen, Gemmen und anderem, Neuerwerbungen für den Louvre, der 1803 folgerichtig in "Musée Napoleon" umbenannt wurde. VivantDenon, seit 1802 Generaldirektor der französischen Museen, ein eminenter Kunstkenner, ordnete und sichtete das Material (weniger Wichtiges erhielten die Provinzmuseen). Bei der Erweiterung der Sammlungen, ermöglicht durch neue Eroberungszüge Napoleons, verließ Vivant Denon sich nicht länger auf die Auswahl der Kunstkommissare. Der Generaldirektor rückte im Gefolge des Kaisers 1806 in Berlin ein und durchmusterte die königlich-preußischen Kunstbestände höchstpersönlich, wie anschließend die der Museen in Braunschweig und Kassei. Denon hat nicht immer die Bilder requirieren können, die für seinen großen Plan eigentlich nötig waren. Die Reisen nach Madrid (1808/09) und Wien (1809) blieben ziemlich erfolglos, der spanische König, ein Bruder Napoleons, verweigerte die Herausgabe des Gewünschten, in Wien hatte Denon das Nachsehen. Um so glanzvoller war die Beute, die er, nach erneuter Durchsicht des Verbliebenen, von seiner Italienreise (1811/12) mitbrachte. Damit war ihm in etwa gelungen, sein Ziel zu verwirklichen: Das "Musée Napoleon" als Pantheon der europäischen Malerei. Der Triumph Denons fiel zusammen mit der Niederlage des Kaisers in Rußland – Napoleons Stern war im Sinken. Das Schicksal der Sammlung aber war und blieb mit dem des Eroberers verbunden: Seine Abdankung im Jahr 1814 bedeutete auch das Ende des "Musée Napoléon". Die Besiegten, nunmehr die Sieger, forderten die Kunstwerke zurück. Das Ringelspiel der Rückgabeverhandlungen bildete den Schlußpunkt eines erstaunlichen Kapitels Kunstgeschichte, das Paul Welscher spannend und vergnüglich erzählt.