Von Rainer Frenkel

Es war immerhin schon 1964, da sagte Fiats großer alter Mann, Vittorio Valetta: "Die Automärkte des Ostens werden sich uns so oder so erschließen." Er sagte auch: "Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren."

Und heute, dreizehn Jahre später, ist die Meldung "VW verkauft 10 000 Golf an die DDR" fette Schlagzeilen wert? Schließlich handelt es sich da um ganze vier Tagesproduktionen des Golf oder um wenig mehr als eine Tagesleistung des ganzen Konzerns. Hat sich auf jenen "Ostmärkten" unterdessen so wenig getan, daß die Nachricht aus Wolfsburg so einschlagen konnte?

Die Erklärung ist einfach. Das Thema Auto ist hierzulande immer für Emotionen gut, das Thema Osten erst recht. Und wenn es dann einer wie VW-Chef Toni Schmücker schafft, diese beiden Gefühlskreise ineinanderlaufen zu lassen, dann ist der öffentliche Eindruck, einer Sensation beizuwohnen, ganz unvermeidlich.

Dabei hat sich, rein materiell betrachtet, seit Valettas Äußerung durchaus Bemerkenswertes ereignet. Vor allem die Sowjetunion, aber auch Polen und Rumänien sind zu teils gigantischen Autofabriken gekommen. Und daran sind die westlichen Autohersteller – allen voran Fiat, aber auch Renault – auf sehr unmittelbare Weise beteiligt.

Als nämlich vor einem Jahr Fiat-Chef Giovanni Agnelli und höchste sowjetische Politiker, unter ihnen Ministerpräsident Kossygin, ein Abkommen über eine Zusammenarbeit im Automobilbau unterzeichneten, da war dies in Wirklichkeit die Verlängerung eines schon elf Jahre bestehenden Paktes. Und der hatte mittlerweile, wenn auch spät, Früchte getragen.

Das Feld, von dem geerntet wird, heißt Togliatti – eine Verbeugung vor Italiens Kommunisten und nicht vor Agnelli, dessen Ingenieure es bestellten. Es liegt, zwanzig Millionen Quadratmeter groß, in der Wolga-Steppe. Geerntet werden Shiguli, Nachbauten des legendären (nicht mehr produzierten) Fiat-Modells 124.