Von Heinz Blüthmann

Über mangelnden Kontrast können sich die deutschen Fernsehgeräte-Produzenten dieses Jahr nicht beklagen: Noch im Sommer drückte eine Halde von fast 600 000 "Buntmachern" schwer auf die Stimmung – und die Preise – der Branche. Nun, wenige Monate später, ist nicht nur der Geräteberg verschwunden, sondern auch der Pessimismus. Nur vier bis fünf Prozent Absatzplus auf 2,3 Millionen Color-Einheiten in diesem Jahr erwarteten die Firmen noch zur Zeit der Funkausstellung; jetzt hält etwa Telefunken schon 2,4 Millionen Stück und damit einen Zuwachs von neun Prozent für wahrscheinlich.

Wegen der steil gestiegenen Nachfrage macht die Industrie sogar Überstunden und hat dennoch nicht verhindern können, daß TV-Händler immer häufiger kaufwillige Kunden auf später vertrösten müssen. Bei bestimmten Gerätetypen – vorwiegend in der Preisklasse über 2000 Mark – gibt es bereits Lieferfristen von bis zu drei Monaten.

Wartezeiten in dieser Größenordnung meldete als erster Hersteller die seit kurzem zum französischen Thomson-Brandt-Konzern gehörende Nordmende in Bremen – trotz täglicher Extraschichten, die vorerst bis Weihnachten fest eingeplant sind. Karl Mende, geschäftsführender Gesellschafter der TV-Fabrik mit dem nach Grundig zweitgrößten Marktanteil in der Bundesrepublik, räumt bedauernd ein, daß er die Nachfrage für Geräte der gehobenen Preisklasse unterschätzt habe.

Drei Viertel der Bremer Produktion gehen derzeit später an die Händler heraus, als die es sich wünschen. Eine schnelle Anpassung an die ungenutzten Marktmöglichkeiten scheitert indes an den ebenfalls begrenzten Kapazitäten einiger Vorproduzenten. Nicht im gewünschten Umfang liefern kann beispielsweise der Stuttgarter Hersteller der Kunststoff-Preßgehäuse für zwei Modelle, die auf der Berliner Funkausstellung neu vorgestellt wurden. Branchengerüchte, wonach Nordmende unerwartete Probleme mit dem neuen Gehäuse habe und nur deshalb beschränkt lieferfähig sei, dementieren die Bremer: "Die Gerüchte sind wohl entstanden, weil wir in Berlin teilweise handgefertigte Gehäuse ausgestellt haben... Wahr ist nur, daß wir leider nicht mehr Gehäuse aus Stuttgart bekommen, als wir ursprünglich bestellt haben."

Auch andere Hersteller können so manchen Kundenwunsch – zumindest in diesem Jahr – nicht mehr erfüllen. Bei Siemens, Loewe-Opta, Metz und Blaupunkt spricht man allerdings bis jetzt nur von Lieferfristen – meist für die teuersten Top-Modelle – von bis zu vier Wochen. Unerwartet lange Lieferfristen sind indes beim PAL-Erfinder AEG-Telefunken aufgelaufen. "Nur die Händler, die rechtzeitig bestellt haben, können pünktlich beliefert werden", umschreibt AEG-Sprecher Ortwin Witzel die ungewöhnliche Situation. "Um der gesamten Nachfrage Herr zu werden, reicht’s nicht."

AEG war Ende der vergangenen Woche denn auch der erste in der Branche, der offiziell bekannt gab, wozu der weihnachtliche Auftragsboom als überaus willkommenes Sprungbrett benutzt werden soll: Preiserhöhungen von durchschnittlich fünf Prozent zu Beginn des neuen Jahres.