Suarez hat Glück. Obwohl die Leistungsbilanz des spanischen Regierungschefs nicht gerade blendend ist und die internen Richtungskämpfe innerhalb seiner Partei U.C.D. blühen, sitzt er fest im Sattel. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die beiden Linksparteien, die spanische KP und die sozialistische Arbeiterpartei Spaniens (PSOE), zur Zeit. wenig Neigung zeigen, den Regierungschef durch harte Angriffe in die Enge zu treiben.

Ihnen geht es jetzt vor allem um ein gutes Ergebnis bei den Gemeinde- und Betriebsratswahlen, die für das erste Halbjahr 1978 vorgesehen sind. Der Konkurrenzkampf zwischen Sozialisten und Kommunisten spitzt sich von Tag zu Tag zu. Santiago Carrillo, Generalsekretär der Kommunisten, und sein Gegenspieler vom PSOE, Felipe Gonzalez, benutzten sogar ihren Besuch in den Vereinigten Staaten, um sich gegenseitig anzugreifen.

Nun sind auch die Chefs der ihnen nahestehenden Gewerkschaften in den Ring gestiegen. Vor zehn Millionen Fernsehzuschauern lieferten sich der fünfzigjährige Nicolas Redondo, Generalsekretär der sozialistischen UGT, und der sechzigjährige Marcelino Camacho, Nummer eins der kommunistisch beeinflußten Arbeiterkommission CCOO, eine erbitterte Redeschlacht. Redondo schreckte nicht davor zurück, seinen Rivalen dabei einen Lügner zu nennen.

Auch sonst sind den beiden großen Kontrahenten bei der Vorbereitung der Betriebsratswahlen fast alle Mittel recht. Als die sozialistische Gewerkschaft von der Regierung eine Vorabentschädigung für das nach dem Bürgerkrieg beschlagnahmte UGT-Eigentum verlangte, meldete die kommunistische CCOO sofort Widerspruch an. Ihr Argument: Damit werde der UGT ein unlauterer Vorsprung eingeräumt.

Redondo kontert mit zwei Vorwürfen: Die CCOO hätte durch ihre allzu positive Einstellung zum Moncloa-Pakt, in dem sich die führenden politischen Kräfte Spaniens zu einem gemeinsamen Kampf gegen die Wirtschaftskrise verpflichteten, die Einheit der Arbeiterschaft belastet und überdies immer noch keine demokratisch gewählten Führungsgremien.

Beide Gewerkschaftsführer hoffen, daß dieser offene und versteckte Schlagabtausch die Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft auf die beiden großen Gewerkschaften lenkt. Noch ist der Ausgang der ersten demokratischen Betriebsratswahlen nach über vierzig Jahren nämlich völlig offen. Die letzten Arbeitskonflikte zeigen, daß kleinere Gewerkschaften und lokale Arbeiterführer einen nicht zu unterschätzenden Einfluß haben. So inszenierten linksextreme Kräfte als Protest gegen eine geplante Neustrukturierung der Werftindustrie und der damit verbundenen Gefahr von Massenentlassungen in Cadiz einen Streik. In Barcelona war es die anarchistische CNT, die den Streik des Tankstellenpersonals organisierte, und als die spanischen Flughäfen durch Arbeitsniederlegungen vier Tage lang außer Betrieb gesetzt wurden, war dies ebenfalls das Werk kleiner Gewerkschaften.

Wenn diese linksradikalen Gewerkschaften ein gutes Wahlergebnis erzielen, dann ist ein heißes Jahr 1978 unvermeidlich. Die Wahrscheinlichkeit, daß die im Moncloa-Pakt beschlossene Lohnrichtlinie von 22 Prozent eingehalten wird, wäre unter diesen Umständen gleich Null. Nach Ansicht der meisten Beobachter ist es deshalb für die Stabilisierung der jungen spanischen Demokratie das beste, wenn UGT und CCOO als klare Sieger aus den Betriebsratswahlen hervorgehen.