Betriebe und Schulen stellen regelmäßig "Anrechtsbesucher"

Von Marlies Menge Ganz sachlich wollte ich es betrachten – das Theater als volkseigener Betrieb zur Produktion von Kunst. Zum Beispiel das Hans-Otto-Theater in Potsdam. Es hat 559 Plätze in dem Haus in der Zimmerstraße, 238 im Schloßtheater, 198 im Kleinen Theater am Markt. Zu 80 Prozent sind diese Plätze ausgebucht. Ein zweites Beispiel: das Theater in Bautzen. Es hat 461 Plätze und mit einer Durchschnittsauslastung von 91 Prozent ist das Soll vermutlich übererfüllt. Da drängt sich die Frage auf: Wie bringt man in der DDR Kunst an den Mann? Theaterstücke sind schließlich keine frischen Brötchen, für die ein voraussehbarer Bedarf besteht. Oder ist das in der DDR anders? Werden die Menschen betriebsweise ins Theater kommandiert, egal ob sie Lust haben oder nicht?

Auch Theater in der DDR haben ihre Abonnenten, Anrechtsbesucher heißen sie hier. "Betriebe buchen zum Beispiel vier Vorstellungen im Jahr bei uns", erklärt mir Gero Hammer, Intendant des Hans-Otto-Theaters, "ähnlich ist es bei Schulen." Er spricht von einem "sanften Zwang" für die Schulen zum Theaterbesuch. Doch im Gegensatz zu Bautzen, wo das Gros der Zuschauer aus Abonnenten besteht, kommen die Potsdamer zur Hälfte auf freien Karten. "Darauf muß ich mich einstellen", sagt Hammer, "Renner" im Spielplan der DDR-Theater sind Stücke von Rudi Strahl, eine Art Simmel der DDR. "Damit erzielen wir die gefürchteten Operettenzahlen", sagt Hammer. Er denkt dabei an "Frau Luna" und "Im Weißen Rößl". Bautzen und Potsdam sind Allround-Theater, sie spielen Märchen und Schauspiel, Oper, Operette und Konzerte.

Potsdam pflegt vor allem die Gegenwartsdramatik. Auch in westlichen Medien wurde das Theater gerühmt, weil es Volker Brauns "Tinka" gespielt hatte. Man munkelte, Intendant Hammer habe Schwierigkeiten mit der Bezirksleitung gehabt, das Stück des DDR-Autors habe nach acht Vorstellungen abgesetzt werden müssen. Mir gegenüber sagt er nichts davon: "Die acht Vorstellungen waren nur zu zwei Dritteln ausgelastet, es bestand nicht genug Interesse."

Im alten Tanzcafe

Lange hatten die Potsdamer auf ein neues Haus gehofft, heute haben sie sich mit dem alten, dem ehemaligen Tanzcafé "Zum Alten Fritz", abgefunden. "Die Wurschtelei hat auch was für sich; das Theaterspiel ist deshalb nicht weniger seriös, aber anders, unmittelbarer. Nehmen Sie Tadeusz Rózewicz, wir haben ihn als ersten gespielt." Intendant Hammer ist stolz darauf. In der "Montagabendreihe" werden kleine dramatische Werke aufgeführt, erste Versuche junger Autoren, Hörspiele für die Bühne umgemodelt, ausländische Autoren ausprobiert. Letztes Jahr veranstalteten die Potsdamer ihr erstes Experimentier-Festival, vier Theater waren eingeladen: "Wir sahen neue Dramatik, was von Gelmann, von Bulgakow, vom DDR-Autor Dieter Schubert, und ‚Tinka‘, außer Konkurrenz." Im Augenblick wird für die Uraufführung eines neuen Stückes des DDR-Autors Stefan Schütz geprobt. "Wir können uns, anders als die großen Theater in Berlin, eine gewisse Bedenkenlosigkeit erlauben", glaubt Gero Hammer, "das macht Theater lebendig."

Sein Kollege Alfred Lübke, Intendant des mit dem Vaterländischen Verdienstorden geschmückten Bautzener Theaters, sieht das anders: "Wenn man ein Haus hat und eine Inszenierung fällt aus, ist das eine mittlere Katastrophe." Bautzen ist das einzige Nationalitäten-Theater der DDR, hier wird sorbisch Theater gespielt, für die gehätschelte nationale Minderheit, die Sorben. Fünf sorbische Inszenierungen im Jahr, eine davon meist eine sorbische Uraufführung. Was Potsdam und Bautzen mit deutschen Stücken kaum tun: auf die Dörfer gehn, um Theater zu spielen – mit den sorbischen Stücken tun sie es. So kommen sie zu einem Dutzend Aufführungen pro Stück. Deutsche Stücke sind zwanzig- bis dreißigmal auf der Bühne, die besonders beliebten gar bis zu vierzigmal, für ein Theater "in der Republik" (im Gegensatz zu Ostberlin) ist das viel. Früher wurden in den Dörfern vor allem derbe sorbische Schwänke gespielt, heute ist Brecht ins Sorbische übertragen und wird inszeniert, ebenso O’Casey (auf sorbisch: Seana O’Caseya) und viele andere.