Ein Plädoyer für die friedliche Nutzung der Kernenergie

Von Karl Heinz Beckurts

Es waren europäische Wissenschaftler und Techniker, die maßgeblich zur Entwicklung der Kernenergienutzung in Europa beigetragen haben. Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Strassmann entdeckten 1938 die Kernspaltung; Hans von Halban, Frederic Joliot und Lew Kowarski erkannten 1939 die Rolle der Neutronen als Träger der Kettenreaktion. Enrico Fermi führte das Team, das 1942 in Chikago den ersten Kernreaktor in Gang setzte. Mit seinen Gas-Graphit-Reaktoren startete England als erstes Land der Welt in den fünfziger Jahren ein großes Programm zur nuklearen Stromerzeugung.

Heute nimmt Europa eine führende Position in der Kerntechnik ein. Es sind rund sechzig Kernkraftwerke mit einer Kapazität von etwa 25 000 Megawatt elektrischer Leistung in Betrieb. Sie haben bisher ohne ernsthafte Störung gearbeitet und die Einsatzreife und Zuverlässigkeit der Kernenergietechnik demonstriert. Inzwischen laufen in der Welt etwa 200 zivile Kernkraftwerke, und es liegen etwa 1400 "Reaktorjahre" Erfahrung vor, wobei kein einziger großer Unfall mit Umweltauswirkungen vorgekommen ist und wobei kein Mensch durch Strahleneffekte ums Leben gekommen ist.

Europa brauchte die Kernenergie. Die westeuropäischen Länder hatten 1976 einen Energieverbrauch von 1,5 Milliarden Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE), das sind etwa 20 Prozent des Weltverbrauchs. Ihr Anteil an den Weltkohlevorräten beträgt etwa zehn Prozent, und sie verfügen über nur etwa vier Prozent der Öl- und neun Prozent der Erdgasvorräte. Angesichts der absehbaren Verknappung dieser Energierohstoffe muß rationelle Energieverwendung eine hohe Priorität in der Energiepolitik aller europäischen Länder einnehmen.

Dennoch wird der gesamte Energieverbrauch im Zuge der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung steigen, wobei ein vergleichbarer schnellerer Anstieg in den heute noch weniger industrialisierten Ländern Südeuropas zu erwarten ist. Da kurz- und mittelfristig keine alternativen Energiequellen großtechnisch zu erwarten sind, wird die Kernenergie einen wesentlichen Anteil des Bedarfs übernehmen müssen. Bis 1985 dürfte ihr Anteil auf etwa 90 000 MW (e) angestiegen sein, und für das Jahr 2000 wird eine Kapazität von etwa 300 000 MW (e) erwartet. Die Kernenergie wird dann gemeinsam mit Öl und Kohle eine der drei tragenden Energiequellen sein.

Während zu erwarten ist, daß ab Mitte der neunziger Jahre Kernenergie, insbesondere auf der Basis des gasgekühlten Hochtemperaturreaktors, zur Erzeugung gasförmiger und flüssiger Energieträger und zur direkten Wärmeversorgung verwendet werden kann, wird ihr Hauptzweck über die Jahrhundertwende hinaus die Stromerzeugung sein. Viele eingehende Untersuchungen haben gezeigt, daß die nukleare Stromerzeugung heute an nahezu allen Standorten in Westeuropa und gegenüber nahezu allen anderen Primärenergieträgern zumindest im Grundlastbereich voll wettbewerbsfähig ist, wobei auch die indirekten Kosten, insbesondere für die Entsorgung, berücksichtigt sind. Dieser Kostenvorteil der Kernenergie wird in Zukunft sogar noch deutlich zunehmen. Kernenergie ist dabei wesentlich kapitalintensiver als die fossilen Energiequellen, dies dürfte für zukünftige Energiequellen wie Kernfusion und Solarenergie sogar in noch stärkerem Maße gelten und ist ein Ausdruck der zunehmenden Notwendigkeit, den Raubbau kostbarer Rohstoffe durch die Anwendung komplexer Technologien zu ersetzen.