Von Heinz G. Fischer-Tschöp

Die angenehmste Art, die altägyptischen Kunstwerke kennenzulernen, ist die, sich im schwimmenden Hotel von einer Sehenswürdigkeit zur anderen befördern zu lassen. Man erspart sich so eine Menge Strapazen.

Es gibt mehrere Hotelschiffe: Ein recht gemütlicher Kahn ist die "Triton", mit einem deutschen Jungägyptologen an Bord, der nilauf, nilab sein Altägypten beherrscht und seine Hieroglyphen kilometerweise von den Tempelwänden liest.

Das Schiff besteigt man entweder in Assuan – dann geht’s nilab von Tempel zu Tempel – oder in Luxor, dann pflügt es sich nilaufwärts. Eine Woche auf dem Nil: Es ist erholsam, stundenlang auf dem Sonnendeck zu liegen und dahinzugleiten zwischen Weizen-, Zuckerrohr- und Baumwollfeldern. Immer wieder ein Dorf – braune Lehmhütten aus biblischer Zeit. Palmenhaine. Das vorüberziehende Schiff lockt Massen von Kindern ans Ufer, die "Bakschisch! Bakschisch!" herüberrufen.

In dem winzigen Schwimmbad auf dem Dampfer ziehen unverdrossene Wasserratten ihre beengten Kreise. Es ist heiß (vor Oktober und nach April ist die Reise nicht zu empfehlen). Der Reisende möchte in den grünen Nil springen und darf nicht. Zwar sieht man keine Krokodile, aber da ist die Bilharzia, eine schlimme Wurmkrankheit.

Kom Ombo. Der erste Tempel. Wir legen am Nilufer an und bahnen uns einen Weg durch die Bettlermeute und das Rudel der Souvenirhändler. Frechfröhlich tönen die-bettelnden Kinder: "Laß mich in Ruh!" – sie haben das oft gehört und halten es für eine deutsche Begrüßungsformel. Vor dem Tempel: mumifizierte Krokodile. Der Krokodil-Tempel Kom Ombo wurde wie der Horus-Falken-Tempel Edfu und der Hathor-Venus-Tempel Dendera erst um Christi Geburt fertiggestellt. Man muß sich die Zeiträume vergegenwärtigen. Für den Laien sehen alle Tempel gleich aus, aber die Cheopspyramide (um 2650 v. Chr.) verhält sich zum Tempel von Edfu (57 v. Chr.) wie die Akropolis zum Münchner Olympiadach.

Luxor; Karnak; dann Theben; die Memnonskolosse, ursprünglich Wächter vor einem riesigen Tempel; die Königsgräber; das Tal der Königinnen; der Tempel der Hatschepsut und so geht es weiter, durch sämtliche 30 Dynastien des alten, mittleren und neuen Reichs: voran souverän der Jungägyptologe. Hinterher mit schwirrenden Köpfen, aber willig, die Bildungstouristen. Rührend die Mastabas, unterirdische Grabhäuser in der Nekropole von Theben westlich vor Luxor (die Ägypter bestatteten ihre Toten immer im Westen). Was an die Wand gemalt wurde, sollte den Toten ins jenseits begleiten: Frauen, Ochsen, Sklaven, Hündchen, Früchte. Bezaubernd die Reliefs im Grab des Ra’mousse, zum Anbeißen die Musikantinnen auf dem Fresko im Grab des Nakht.