Von Rainer Benecke

Noch ein Blick in den Spiegel, noch schnell ein Griff in die blonden Haare, ein Lächeln – alles hat Charme bei Vera Caslavska. Das war schon 1958 so, als das Mädchen aus der ČSSR sein internationales Debüt bei den Kunstturn-Weltmeisterschaften in Moskau gab und die Zuschauer faszinierte. Und das war immer noch so, als Vera mit 26 Jahren, bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko, vom Wettkampfsport Abschied nahm, lächelnd.

Seither trägt die erfolgreichste Turnerin der Welt – 22 Gold-, 10 Silber-, 3 Bronzemedaillen (bei Welt-, Europameisterschaften und Olympischen Spielen) – den Namen Odlozil. Es ist ruhiger um sie geworden; man hat ihr immer noch nicht verziehen, daß sie sich zu Dubček bekannt hatte. So hoffte sie bei den diesjährigen Europameisterschaften von Prag vergebens auf ihren geplanten Auftritt. Sie sollte, so hatten es die Organisatoren ursprünglich vorgesehen, die Siegerehrung für das Bodenturnen vornehmen. Aber ihr Part wurde kurzfristig gestrichen.

Während der Prager Titelkämpfe blieb sie also auf der Zuschauertribüne, und dann sah sie ihre Nachfolgerinnen: die Comaneci mit ihrem eingefrorenen Gesicht; die Ungureanu, die ein bißchen verwachsen aussieht; die Filatowa, die bei der Bodenkür wieder nur "Männchen" machte. Charme hatte keine von ihnen. Wie sollten sie auch. Es waren nicht einmal Mädchen, die dort turnten, geschweige denn Frauen – es waren nur gedrillte Kinder.

"Ich möchte noch einmal aufs Podium und turnen", sagte Vera Caslavska, als ich sie jetzt wiedertraf. "Ich möchte das, um diesen Frühwiedertraf. den Unterschied zu zeigen zwischen Frauen- und Kinderturnen. Diese Turnkinder lachen nicht, weil das in der Trainingsstunde nicht gelehrt wurde; sie spielen nicht für das Publikum, sie können sich mit ihrer Kunst nicht verkaufen."

Bei Vera Caslavska war das ganz anders; sie regierte mit Schönheit, Mut, Grazie, Charme und einem Lächeln. Die Caslavska war nie eine roboterhaft wirkende Sportlerin gewesen; und so schwierig ihre Übungsteile auch immer sein mochten, es sah leicht aus bei ihr, anmutig, elegant.

Josef Göhler, Vizepräsident des Deutschen Turner-Bundes, sagte von ihr: "Vera Caslavska besaß vielleicht nicht das Genie der Nadia Comaneci, sie hatte nicht die balletthafte Anmut der Larissa Latynina, sie konnte nicht so königlich schreiten wie Ludmilla Turitschewa, doch an Ausstrahlung kam ihr keine gleich. Ihre Wirkung auf das Publikum war unerreicht."