Von Ulrich Goetz

Unerwartete Schützenhilfe haben in den vergangenen Wochen "pillenmüde" Frauen von Seiten der Wissenschaft erhalten. Das gefühlsmäßige Mißtrauen, das mehr und mehr Frauen den oralen Empfängnisverhütungsmitteln entgegenbringen, scheint so unbegründet nicht zu sein.

Zumindest wurde in The Lancet, der angesehenen britischen medizinischen Wochenschrift, im Oktober 1977 eine Studie veröffentlicht, die aufhorchen läßt. Durchschnittlich fünfmal höher sei für Pillen-Konsumentinnen das Risiko, einer Kreislaufkrankheit zu erliegen, als für Frauen, die die Pille nicht nehmen. Konkret bedeute dies, daß unter 5000 Frauen jährlich ein zusätzliches Herzinfarkt- oder Hirnschlag-Opfer zu beklagen sei, wie Dr. Valerie Beral, Hauptautorin dieses jüngsten Berichtes, feststellte. Im übrigen erhöhe sich das Pillen-Risiko mit der Dauer der Einnahme, mit fortschreitendem Alter und – mit zunehmendem Zigarettenkonsum.

Die Langzeitstudie, an der rund 1400 praktische Ärzte auch jetzt noch weiterarbeiten, wurde 1968 in Großbritannien in der Absicht gestartet, die Auswirkungen oraler Kontrazeptiva auf die Gesundheit zu untersuchen. 46 000 Frauen – 23 000 Pillen-Konsumentinnen und 23 000 Frauen, die entweder keine oder andere Empfängnisverhütungsmittel benutzen – konnten insgesamt für die Teilnahme an der Studie gewonnen werden. Obwohl längst nicht alle Versuchsteilnehmerinnen bei der Stange blieben, können die Wissenschaftler bis jetzt auf einen Erfahrungszeitraum von rund 200 000 "Frauenjahren" zurückblicken.

Eine beachtliche Zeitspanne, die auch gültige Schlüsse erlauben würde, wenn – ja wenn es nicht so viele Faktoren gäbe, die ebenfalls für Kreislaufkrankheiten mit tödlichem Ausgang verantwortlich gemacht werden können, wie zum Beispiel Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Fettsucht und Rauchen. Doch nur der letztgenannte Risikofaktor wurde in die, britische Untersuchung mit einbezogen. Resultat: Für Raucherinnen verdreifacht sich die Kreislauf-Todesrate gegenüber Nichtraucherinnen – und zwar bei Pillen-Konsumentinnen wie -Abstinentinnen.

Die höchste Kreislauf-Todesrate wurde bei der Gruppe der rauchenden Pillen-Konsumentinnen beobachtet (39,5 Todesfälle auf 100 000 Frauenjahre). Nichtraucherinnen, die die Pille nehmen, folgen mit einer Rate von 13,8 während rauchende Pillen-Abstinentinnen mit einer Rate von 8,9 offenbar weniger gefährdet sind. Den niedersten Wert – 3,0 – ermittelten die Forscher bei der Gruppe von Frauen, die sowohl Tabak als auch die Pille verschmähen.

Ähnliche Vergleiche müßten die Mediziner auch mit den Risikofaktoren Zuckerkrankheit, Bluthochdruck und Fettleibigkeit anstellen, bevor sie mit Sicherheit beweisen können, daß wirklich die Pille schuld ist an den zusätzlichen Kreislauf-Todesfällen. Zwar gibt es keinen Grund für die Annahme, daß diese drei Risikofaktoren bei Pillen-Konsumentinnen öfters vorkommen als bei nicht schluckenden Frauen. Aber solange nicht das Gegenteil bewiesen wird, steht diese Möglichkeit immerhin offen.