Es ist ganz gut zu wissen, daß der Radierer Johnny Friedlaender ein mutiger Mann ist. Sein Weg führte ihn von Schlesien, wo er 1912 geboren worden ist, über deutsche Konzentrationslager, in die Emigration durch viele Länder, über französische Internierungslager bis zur französischen Staatsbürgerschaft. So wird ein Satz wie dieser, obwohl er auf die Kunst gemünzt ist, konkret: "Man muß tun, was man tun möchte... Man muß Courage haben, man darf sich nicht korrumpieren lassen." Friedlaender hat immer getan, wovon er überzeugt war; diese moralische Haltung spiegelt sich zwar nicht in einzelnen Bildern, aber in der unbeirrten, phantasiereichen Konsequenz seines Werkes. Das sind vor allem (Farb-)Radierungen, die mit einer nur von wenigen erreichten handwerklichen Könnerschaft hergestellt sind. Überraschenderweise lassen sich immer wieder drei Motive herausfiltern, die ihre Pointen oft durch die poetischen, viele Assoziationen aufscheuchenden Titel erhalten. Das sind zuerst Kompositionen aus meistens drei Figuren, die man sich wie Papageien oder Pinocchios oder Harlekine (oder sonst was), auf und an der imaginären Stange vorstellen kann, aber in Haltung, Gebärde und Kostüm, in Farbigkeit und graphischer Struktur in stets neuen Versionen erscheinen, Bilder, in denen man lange liest. Zweitens sind das – oft auch geradeheraus so genannt – Landschaften, die eigentlich allesamt erd- bis schneefarbene Variationen über das Thema Welle oder Hügel darstellen, die über die Blätter wögen und schwingen und viele Stimmungen einfangen. Schließlich läßt Friedlaender immer wieder Vögel fliegen, und nicht ungern unter musikalischen Titeln. Aber diese Motivgruppe ist selten geworden in den Jahren 1973 bis 1976/77, wie nun der Bildersammlung zu entnehmen ist, die der Braunschweiger Galerist Rolf Schmücking seinem Radierer Johnny Friedländer zum 65. Geburtstag gewidmet hat: einem dicken Folianten, der die Radierungen der Katalognummern 478 bis 582 relativ farbensicher wiedergibt. Der Preis des Buches ist hoch; Friedlaender-Fans sind womöglich mit der Rechnung zu trösten, daß er trotzdem erst ein Siebentel vom Preis einer großen Radierung ausmacht. (Rolf Schmücking: "Friedlaender", Werkverzeichnis der Radierungen 1973–1976; Verlag Galerie Schmücking, Braunschweig, 1977; 76 Abb., 180,– DM). Tatsächlich hat der Radierer ein großes Publikum, das ihm hingebungsvoll den Markt bereitet. Wie auch anders, denn seine Bilder sind schön komponiert, stets in wohltönende Farben gesetzt, unkompliziert, sehr dekorativ. Manche hängen dicht an der Kippe zum Kitsch – aber noch ist keins in diese warme Grube gefallen. Manfred Sack