Von François Bondy

Die Initialen V. S. stehen für Vidiadhar Surajprasad. Wer nicht bereits den Familiennamen Naipaul als indisch erkannt hat, wird angesichts der Vornamen keinen Zweifel haben. Ein indischer Schriftsteller also, und unter dem Dutzend Bücher des Fünfundvierzigjährigen, der in England seit zwanzig Jahren berühmt ist, sind zwei Indien gewidmet, wo sie wenig Beifall fanden. "An area of Darkness" – "Ein Bereich der Dunkelheit" hieß das Indienbuch von 1964. Ein zweites ist dieser Tage bei Knopf, New York erschienen: "India, a wounded Civilisation".

Deutsch sind vier Erzählwerke von Naipaul erschienen: drei Romane (darunter "Guerillas", kaum ein Jahr nach dem Erscheinen) und ein Band "Sag mir wer, wer mein Feind ist" mit einem kurzen Roman, einer Erzählung und zwei Reiseberichten. Von den drei Romanen spielen zwei ganz in Trinidad, welche Insel dort allerdings anders genannt wird und die in "Guerillas" sogar eine andere Geographie erhält; einer spielt zwischen Trinidad und London. Die drei Romane haben es mit Politik auf der Mehrvölkerinsel zu tun, zwei mit Wahlen und mit normalem Politikerschicksal, der jüngste, "Guerillas", mit einem politischen Propheten und mit Terror.

"In einem freien Staat" spielt in Schwarzafrika während eines Machtwechsels, erlebt von zwei Engländern, die unterwegs sind, einem homosexuellen Beamten und einer dümmlichen Frau, deren Konventionen und Sicherheiten zerschellen. Eine kurze Erzählung im gleichen Band berichtet in Ich-Form über einen indischen Diener, der seinem Herrn nach Washington folgt, seine eigene Welt verliert und eine Schwarze heiratet. Als Beispiel für Naipauls besonderen Humor wäre diese Erzählung die beste Einführung in sein Werk für Leser, denen der in der englischsprechenden Welt berühmte, auf dem europäischen Kontinent wenig bekannte Schriftsteller bisher fremd war. Als fünfte Übersetzung ist das neue Indienbuch geplant – damit hätte der Leser auch Zugang zum Beobachter Naipaul, der hinter dem Romancier nicht zurücksteht.

Auf Gestalten und Geschehen von "Guerillas" passen Wörter wie grausig und grotesk. Bis dahin galt der Romancier als ein belustigter Sittenschilderer, wach, gespannt, aber doch innerhalb einer kleinen vertrauten Welt, die durch das besondere Englisch Trinidads, aus dem Naipaul eine kaum übersetzbare Kunstsprache gemacht hat, etwas beinahe Idyllisches erhielt.

V. S. Naipual ist Nachkomme von Indern aus Utah Pradesh, von denen Tausende von den Briten kontraktlich "eingekauft" und nach Trinidad gebracht wurden. Sie begannen dort als Landarbeiter, wurden später Handwerker und stiegen gelegentlich in höhere und intellektuelle Berufe auf. Naipauls Vater war Drucker und Zeitungsverleger. Er schrieb Geschichten; auch Naipauls jüngerer Bruder Shiva ist seit einigen Jahren in England als Romancier bekannt. In der Familie aus der Brahmanenkaste blieben Traditionen gewahrt – vielleicht gehört die oft festgestellte "Körperfeindlichkeit" des Schriftstellers dazu– und die Konfrontierung mit dem wirklichen Indien verrät nicht nur Ungeduld mit Routine und Denkfaulheit, sondern auch Enttäuschung über preisgegebene Traditionen. Das Kind Naipaul hatte ein intakteres Indien gekannt, obzwar er erst in Bombay als Reisender die Erfahrung machte, in einer Menge aufzugehen, nicht mehr aufzufallen.

Naipaul lebt und schreibt in der Spannung zwischen intensiver Selbstbefragung und Neugier auf die Welt, zwischen der Verwurzelung in der kleinen eigenen Provinz und der Entwurzelung. Für den Romancier ist Trinidad der Mittelpunkt, und in Trinidad insbesondere die kleine Welt der in Kasten geteilten Inder von "Miguel Street". Kein Zweifel, daß der umfangreiche Roman über Leben und Tod eines Inders "Ein Haus für Mr. Biswas" Naipauls stärkstes Werk ist; daneben erscheinen die mehr heiteren Milieu- und Sittenromane wie "Der mystische Masseur", "Wahlkampf auf Karibisch" (auch in Deutschland erschienen) zwar reizvoll, aber doch nicht vergleichbar.