Von Rudolf Walter Leonhardt

Wohlmeinende Staatsdiener sagen: "Mit der 0,8-Promille-Grenze kommen wir doch ganz gut zurecht. Das Gesetz ist liberal und wird fair gehandhabt. Warum wollen Sie schlafende Hunde wecken?"

Es hat sich da während der letzten Jahre in der Tat in Westdeutschland auch einmal Liberales ereignet. Autofahrer, denen Alkohol im Blut nachgewiesen werden konnte, stellten zeitweilig mehr als die Hälfte der Häftlinge in deutschen Gefängnissen. Heute sitzt wegen des "abstrakten Gefährdungsdelikts" (zuviel Alkohol im Blut, ohne Böses zu tun) keiner mehr. Gewiß ein Fortschritt.

"Sehen Sie, so etwas läßt sich unter Fachleuten, denen es um die Sache geht, viel leichter im stillen regeln, als wenn man es an die große Glocke hängt." Auch das ist wohl richtig. Ein Thema wie Alkohol oder Nikotin oder Haschisch ruft ja immer die Eiferer auf den Plan, deren Denkweise es befriedigt, kompliziertes Unheil auf einfache Ursachen zurückzuführen.

Während ich schreibe, höre ich erst mit einem halben, dann mit ganzem Ohr eine Fernsehdiskussion über die Presse. "Parteilichkeit" wird da als eine Arbeitsvoraussetzung des Journalisten beinahe zu selbstverständlich von Thomas Ellwein postuliert, von einigen Journalisten akzeptiert. Das scheint die verbreitete Meinung zu sein. Nur Henri Nannen protestiert, noch längst nicht kräftig genug.

Wenn einer hier über Verkehrssicherheit und Alkohol im Blut berichtet, dann ist er nicht "parteilich", er will es wenigstens partout nicht sein. Er wüßte ja auch gar nicht, welcher "Partei" er damit dient. So richtig beliebt macht man sich mit einer liberalen Betrachtung wohl nirgendwo. Der die 0,8-Promille-Grenze einführte, der alle Leute, die "mit Alkohol im Blut" Auto fahren, am liebsten "Kriminelle" genannt hätte, war ein Justizminister der Freien Demokratischen Partei, ein Coburger Rechtsanwalt namens Stammberger. Und der ihm diente, war ein Bonner Professor der Gerichtsmedizin namens Elbel. Auf Professor Elbel, der auch ein Lehrbuch geschrieben hat, berufen sich die Gerichtsmediziner gern.