Jim Stratton gehört zu den Künstlern der ersten Stunde, die einen berühmten Stadtteil von New York wider Willen zu dem gemacht haben, was er heute ist: Soho, ein ehemaliges Lagerhausviertel im Süden von Manhattan, das früher namenlos war. Für Kulturtouristen ist Soho ein Synonym für Galerien, Cafés und Leben auf den Straßen. Sie erstehen ein indisches Gewand in einer israelischen Boutique und fühlen sich als Teil der Szene. Für Leute, die hauptberuflich mit Kunst umgehen, ist Soho als größter Umschlagplatz für Ideen, gedachte und ausgeführte, unumgänglich.

Dieses Ergebnis war von den Pionieren nicht vorauszusehen und sicher auch nicht gewünscht, als sie in die Lofts, die leerstehenden Lagerräume, zogen. Einnisten wäre das bessere Wort, denn für Privatmenschen gab es noch gar keine "Wohnlizenz". Sie verdunkelten ihre Fenster, wurden hinausgejagt, fanden einen anderen Loft. Sie vertrösteten Feuerinspektoren, wurden selber zu Tischlern und Klempnern, kratzten schließlich so viel Geld zusammen, daß sie das ganze Gebäude kaufen konnten. Und am Ende hatten sie die Stadt davon überzeugt, daß es besser sei, dieses Viertel mit seinem architektonisch interessanten "Gußeisenbarock" den Künstlern zu überlassen als den Abbruchfirmen.

Jim Stratton, ein Filmemacher, gehörte zu ihnen. Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben: "Pioneering in the urban wilderness" (Urizen Books Inc., 66 West Broadway, New York, N. Y. 10007). Vordergründig ist es eine Anleitung zum Herrichten von Lagerräumen – do it yourself, wenn du kannst. Aber der Autor will mehr: Er will nicht nur zeigen, wie man mit Hammer und Farbtopf umgeht, sondern auch, wie man es mit dem "System" aufnimmt, dem System der Lizenzen und Inspektoren, der Grundstücksbesitzer und Vermieter, kurz, dem engmaschigen Netz von Vorschriften und Profitsucht, in das ein Stadtpionier geraten kann.

Deshalb ist das Buch auch nicht nur eine rein amerikanische Angelegenheit. Es ist vielmehr eine Geschichte darüber, wie eine angeblich unbewohnbare Stadtlandschaft bewohnbar wird; eine Geschichte über die Suche nach "alternativen Räumen"; über die Abscheu vor teuren, vorgestanzten "Wohneinheiten", die dem Mieter allenfalls ornamentale Veränderungsmöglichkeiten lassen. Der Lagerraum (die Fabrikhalle, der Laden) ist hier das Rohmaterial, mit dem sich jeder seine eigene Umwelt schafft. Erzählt wird von Gebäuden, die vor dem Naturgesetz der Städte – aufbauen, um abzureißen – gerettet wurden ("Recycling of houses" nennt es der Autor), und schließlich von Nachbarschaftshilfe.

Windmühlen, Schafställe und selbst Fabriken sind auch in Europa schon von Menschen bezogen und mit Hilfe geschickter Architekten manchmal in Statussymbole verwandelt worden. In den Vereinigten Staaten hat das Phänomen längst auf andere Städte übergegriffen: auf einen Ladendistrikt in Philadelphia, auf alte Werften in Boston, auf St., Louis, New Orleans, Kansas City.

Die Künstler als Vorkämpfer einer neuen Bürgerrechtsbewegung? Sie geben dem Recht auf (bezahlbaren) Platz zum Wohnen und Arbeiten eine neue Dimension. Nicht Boheme war die treibende Kraft, sondern überhöhte Mieten und die parzellierte Wohnkultur unserer Städte.

Jim Stratton hat sich schon den dritten Loft ausgebaut.

Barbara v. Jhering