Von Marion Gräfin Dönhoff

Als die CDU vor einigen Wochen ihre absurde Zitatensammlung veröffentlichte, kündigte sie gleichzeitig an, sie werde demnächst einen wissenschaftlichen Kongreß über die Ursprünge des Terrorismus abhalten. Damals schrieb ich voller Entsetzen, der Himmel möge uns vor diesem Unternehmen bewahren, das vermutlich – analog der Zitatensammlung – in eine rein demagogische Veranstaltung ausarten und auf lange Zeit hinaus die Atmosphäre mit einer Eskalation von Haß vergiften werde.

Jener Schreckensruf trug mir – zwecks Belehrung – eine Einladung des Generalsekretärs zu dem Kongreß ein, der in der vorigen Woche in Bonn stattgefunden hat. Er wurde keineswegs zum Tribunal, sondern war ganz im Gegenteil außerordentlich interessant, nützlich und verdienstvoll. Etwa ein Dutzend Professoren internationalen Ranges waren während zwei Tagen dort versammelt. Jeder hielt ein Referat, mit dem das Problem des Terrorismus von den verschiedensten Aspekten – politischen, theologischen, philosophischen, historischen, soziologischen, psychologischen – angeleuchtet wurde.

Alle widerstanden der Versuchung, mit dem Finger auf diesen oder jenen vermeintlichen Sündenbock zu zeigen. Alle erklärten, es handle sich um ein außerordentlich komplexes Problem, für das ein ganzes Bündel von noch gar nicht erforschten Motiven verantwortlich sei. Nur der bullige Professor aus Hamburg, Peter Hofstätter, konnte sich einen kleinen Eselstritt nicht versagen: Bei seinen fleißigen Recherchen hatte der Psychologe entdeckt, daß zwei Figuren aus Heinrich Bölls literarischem Werk, sowohl Katharina Blum (1974) wie auch Schmier, der "Clown" (1963), jeweils als Siebenundzwanzigjährige dargestellt wurden – das Alter Heinrich Bölls am Ende des Zweiten Weltkriegs, wie Hofstätter bemerkte; "Das, so scheint es, war der Augenblick, in dem sich Bölls Selbst fixiert hat..." An diese kühn ermittelte, magische "27" knüpfte Hofstätter einige nicht eben tiefgründige psychologische Betrachtungen, die mit der Feststellung endeten: "Dafür, daß der Dichter Heinrich Böll der enttäuschten Abwendung von eben dieser Gesellschaft Artikulationshilfen bietet, möchte ich nicht gern das heikle Wort ‚Sympathien‘ verwenden, obwohl die Blum-Novelle das Mitbetroffensein ihres Autors im ursprünglichen Sinn des Wortes ‚Sympathie‘ sehr deutlich zeigt."

Aber Peter Hofstätter war auch der einzige, der den Pfad wissenschaftlicher Tugend verließ. Und so war es eine rechte Wohltat, daß der nächste Redner, Wolf Middendorff, Dr. jur., Amtsgerichtsrat und Professor am Max-Planck-Institut für Strafrecht in Freiburg, sich in trockenen Sätzen den strikten Tatsachen einer begrenzten Geschichtsepoche zuwandte: dem Terrorismus während der Regierungszeit des reformfreudigen Zaren Alexander II., 1855 bis 1881. Middendorffs Bericht:

"Der älteren Generation waren diese Reformen zu weitgehend, der jungen, von revolutionären Ideen erfaßten Generation erschienen sie nicht weitgehend genug. Es bildeten sich eine Reihe von kleinen und größeren Organisationen, die zunächst im wesentlichen auf legalen, später auf illegalen Wegen ihre Ziele zu erreichen suchten. Kommunen bildeten sich, in denen die Frauen arbeiteten, während die Männer endlos diskutierten. Nach dem Motto "Student aufs Land" gingen Nihilisten auf die Dörfer, um die Bauern zu ihren Anschauungen zu bekehren. Nachdem sich alle diese Aktionen als erfolglos herausgestellt hatten und große Illusionen zerronnen waren, begann man sich auf illegale Aktionen vorzubereiten ... Der Terror gegen Personen begann mit Attentaten auf Generale, Regierungsmitglieder und Angehörige des Hochadels. Als diese Attentate keine unmittelbare politische Wirkung zeitigten, wollte man den Zaren töten."

Nachdem zunächst zwei Anschläge, 1866 und 1879, fehlgeschlagen waren, wurde der liberale Zar schließlich 1881 ermordet. Die Nachricht von diesem Attentat übte, so Middendorff, in ganz Europa eine tiefe Wirkung aus. Die Terroristen glaubten nunmehr, die Reaktion ins Herz getroffen zu haben. Sie wußten nicht, daß der Zar am Morgen seines Todes dem Grafen Loris-Melikow ein Schriftstück übergeben hatte, mit dem er dem Lande eine Art Verfassung bescherte, an die sein Nachfolger sich nicht gebunden fühlte.