Überall in der Bundesrepublik diskutieren in diesen Wochen Arbeitnehmer der Metallindustrie über ihre Forderungen für die kommende Lohnrunde

Die Sitzung beginnt pünktlich. Im Gewerkschaftshaus der IG Metall in Ludwigsburg versammeln sich am späten Nachmittag etwa fünfzig Leiter der Vertrauenskörper und Betriebsratsvorsitzende aus den Metall-Betrieben dieser Verwaltungsstelle. Alle habe einen langen Arbeitstag hinter sich. Doch statt nach Hause an den Fernseher zu eilen, finden sie sich im schmucklosen Sitzungssaal ihrer Gewerkschaft ein.

Es geht um die Forderungen für die kommende Lohnrunde in Baden-Württemberg. Das ist harte Arbeit und alle wissen, "die Kollegen draußen nehmen die Sitzung ernst". Auf den langen Tischen stehen Bier und Cola und vereinzelt eine Vesper. Doch Essen und Trinken sind heute Nebensache, die Männer und drei Frauen vertreten die Arbeitnehmer aus den Betrieben. Sie wollen den Ludwigsburger Tarifkommissionsmitgliedern die Vorstellungen der Basis über die Lohnerhöhungen des kommenden Jahres mit auf den Weg geben. Die Empfehlung, die hier erarbeitet wird, soll noch in dieser Woche Grundlage für eine gemeinsame Forderung der drei baden-württembergischen Tarifgebiete werden. Wie hier in Ludwigsburg treffen sich in diesen Wochen überall im Bundesgebiet die Repräsentanten der Arbeitnehmer aus den Metall-Betrieben und läuten damit auf der ersten Stufe die Lohnrunde ein.

In einem Punkt herrscht im verqualmten Saal sofort Einigkeit. "Unser Geldbeutel muß stimmen". Denn "wenn der Mensch ein Mensch ist, dann braucht er was zu essen". Doch der Teufel steckt im Detail. Und so redet man sich drei Stunden lang die Köpfe darüber heiß, wie das Portemonnaie im nächsten Jahr gefüllt werden kann. Die Vorschläge bewegen sich zwischen acht und knapp vierzehn Prozent. Doch allzu hohe, Forderungen haben keine Chance. Mit vierzehn Prozent rechnet hier im Ernst niemand.

Einer allerdings wollte von solchen Zahlenspielereien überhaupt nichts wissen, seine Begründung: "Wir haben doch gar keine Informationen, wie sollen wir eine konkrete Forderung auf die Beine stellen. Was hier jetzt gesagt wird, das sind doch Lippenbekenntnisse. Nachher werden wir von den Oberen wieder zurückgepfiffen. Erst soll der Vorstand der IG Metall auch mal so Fünf Weise aufstellen, die uns was an die Hand geben." Protest von allen Seiten ist die Antwort. "Unser Sachverständigenrat, an dem wir uns orientieren können, ist die Familie. Da sehen wir doch, wie alles teurer wird." Ein anderer erklärt dem Zauderer, "guck Dich doch um im Betrieb, in Deinem Bereich, in der Autoindustrie, wie läuft es dort? Und da müssen wir doch sagen, denen geht es nicht schlechter als vor einem Jahr, also brauchen wir nicht weniger zu fordern."

Die Diskussion konzentriert sich dann jedoch auf den Vorschlag der Ortsverwaltung, den Edgar Schmidt, Bevollmächtigter in Ludwigsburg, zur Debatte stellt: ein Gesamtvolumen von 8,5 Prozent, aufgeteilt in einen Sockel von vierzig Mark und eine lineare Erhöhung von sechs Prozent. Doch das scheint vielen nicht genug.

"50 Mark plus sieben Prozent und keinen Pfennig weniger", schlägt einer dagegen vor. "Sieben Prozent, das sollte schon herauskommen, deshalb müssen wir erst einmal eine zweistellige Zahl verlangen." Das Duo bekommt Verstärkung: "8,5 Prozent als Verhandlungsbasis, das ist zu wenig, das sind im Endeffekt ja doch ein paar Prozent weniger." Unumstritten ist nur die grundsätzliche Aufteilung des Gesamtvolumens in einen Sockel und eine lineare Komponente. Das Wie aber erhitzt die Gemüter um so mehr. 40 Mark und sechs Prozent, mit diesem Vorschlag wollen sich die meisten nicht zufriedengeben. "Das haut doch net hin, sechs Prozent und sechzig Mark, das wär’ vielleicht vertretbar", wirft einer aus der Runde ein. Doch da will Schmidt nicht mitziehen. "Mit solchen Zahlen würden wir schon in der Tarifkommission allein stehen. Es ist doch gar nicht gesagt, daß man uns in der Sockelforderung überhaupt folgt. Ich seh’ den Sieg des Grundbetrags in dieser Runde jedenfalls noch nicht als sicher an."