Von Carl-Christian Kaiser

Elend ist ein starkes Wort. Zu stark, als daß der Titel dieses Sammelbändchens nicht ziemlich in die Irre führte, nämlich über

"Das Elend der Christdemokraten"; Herder-Bücherei Initiative, Band 21; Freiburg 1977; 192 S., 9,90 DM.

Denn wenn schon von "Elend" die Rede ist, dann hätten viele Beiträge zu diesem Band wohl gründlicher ansetzen müssen. Und zum anderen kommen Kritik und Selbstkritik aus einer bestimmten Ecke der Union – aus der katholischkonservativen. Der CDU wieder Stützpfeiler eines neuen Konservatismus einzuziehen, darum ist es dem Verlag seit langem zu tun. Das Elend wird aus einer ganz bestimmten, aber einseitigen Blickrichtung diagnostiziert.

Das wird schon im Vorwort des Herausgebers Gerd-Klaus Kaltenbrunner deutlich, wenn er über Lage und Strategie der Christdemokraten schreibt: "Zeichnet sich auf der linken Seite eine Eduardo-Frei-Linie ab, benannt nach dem christdemokratischen Präsidenten von Chile, mit dessen Hilfe der Marxist Salvador Allende 1970 ans Ruder gelangte, so werden auf der anderen die Umrisse eines europäischen Mitte-Rechts-Blocks sichtbar, der etwa auf der Wellenlänge Thatcher-Chirac-Strauß-Dregger liegt." Was wunder, wenn vorher, ganz wie bei Straußens globalen Visionen und Schreckensgemälden, von der zunehmenden Einkreisung Europas durch den Sowjetkommunismus im Osten und dem Eurokommunismus wie Eurosozialismus im Süden die Rede ist.

Dies ist eine der Hauptprämissen, auch wenn sich die einzelnen Autoren zum Teil bedeckt halten. Nur wird es dann recht disparat. Der Bielefelder Soziologe Walter Hildebrandt wiederholt als CDU-Mitglied in einem "offenen Brief" an die Parteioberen die geläufigen Klagen: innerparteiliche Querelen, Mangel an geistiger Orientierung, unklare Positionsbeschreibungen. Aber er selber schwankt dabei, ob er es mehr mit den liberalen oder konservativen Grundströmungen in der Union halten soll.

Von Eugen Gerstenmaier hingegen läßt sich das kaum sagen. Gegen die innerparteiliche Säkularisierung plädiert er für das "hohe C" im Parteinamen, wenngleich er natürlich keine – direkte – kirchliche Unterstützung für die Union verlangt. Umgekehrt aber mißfällt ihm, daß der Union in der Kirche, zumal der protestantischen, auch Gegner erwachsen sind, etwa in Angelegenheiten der Ostpolitik oder des Radikalenerlasses. Sein Unbehagen an solchen Regungen, die nicht ins Schema der Union passen, wirkt wie ein seltsamer Anachronismus.