Der Terrorismus ist der Schatten, den die bürgerliche Gesellschaft auf sich selbst wirft... Ich habe den Eindruck, daß eine große Zahl von Jugendlichen in der Bundesrepublik in Angst lebt... Diese Angst ist der Nährboden des Terrorismus. Der Sympathisantensumpf, den es da auszutrocknen gilt, wäre unter den verantwortlichen Politikern der letzten zwanzig Jahre zu suchen. Übrigens gibt es diese Angst, heute, auch anderswo. Im März 1977 sendete das italienische Fernsehen Bilder von den Unruhen in Bologna. Da zogen Hunderte von Jungen und Mädchen weinend durch die Straßen, und weinend verbrannten sie Autos, schlugen Schaufenster entzwei, stürzten Möbel aus oberen Stockwerken. Ein erschütternder Anblick: Kinder, die darüber weinten, daß sie ihre Zukunft verloren hätten, und zerstörten, was zur Gegenwart gehört. Gudrun Ensslin hat Ende der sechziger Jahre gesagt: "Wie kann man noch mit Leuten reden, die für Auschwitz verantwortlich sind." Ein Hinweis darauf, daß Eltern, die keine Vergangenheit haben wollen, ihren Kindern die Zukunft nehmen.

Richard Hey, "In der Hölle der Redlichen – Was hat sich in der Bundesrepublik verändert frankfurter Rundschau" vom 3. Dezember 1977

Musik gegen Grenzen

Im Juli hatte der Komponist Tilo Medek, nachdem er im Eiltempo aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen worden war, zusammen mit seiner Familie sein Land verlassen. Zu seinen Stücken, die aus diesem Grund nicht mehr gesendet werden durften, gehörte das gerade noch im Dezember 1976 produzierte und für die derzeitige Tournee des Ostberliner Rundfunk-Symphonie-Orchesters vorgesehene Marimbaphon-Konzert. Der Solist, Wolfgang Preissler, auf dessen Bitte das Konzert geschrieben wurde, bat seit August 1977 in drei Gesuchen an Erich Honecker, seinem Freund und Komponisten Tilo Medek in die Bundesrepublik Deutschland mit seiner Familie folgen zu dürfen, um eine für ihn wichtige zehnjährige Berufsfreundschaft fortsetzen zu können. Wolfgang Preissler hatte schon 1961 durch den Mauerbau einem Engagement bei Karajan nicht mehr folgen können, auch Einladungen der (West-)Berliner Philharmoniker durfte er in den letzten Jahren nicht annehmen. Er wartet bis heute auf die Beantwortung seiner drei Gesuche. Er hat Reiseverbot: Das Ostberliner Orchester gastiert zur Zeit ohne seinen Solopauker in der Bundesrepublik. Die Flötistin Barbara Milatz, für die der Komponist zwei Jahre vorher ein Piccoloflöten-Konzert geschrieben hat, hatte etwas mehr Glück. Das Konzert wurde 1976 uraufgeführt und wegen seines ungewöhnlichen Erfolges gleich siebenmal vom selben Orchester aufgeführt, unter anderem in Leningrad, zuletzt am 7. November 1976 bei einem Bauarbeiter-Konzert im Palast der Republik in Ost-Berlin. Da auch ihr alle Verträge, das Medeksche Konzert betreffend, gekündigt wurden, und Werke von Medek einem prinzipiellen Verbot unterliegen, zog sie aus dem engstirnigen Verhalten der DDR-Behörde die Konsequenz: während der Tournee mit dem Rundfunk-Symphonie-Orchester entschloß sie sich Ende voriger Woche, in der Bundesrepublik Deutschland zu bleiben.

Größen aller Arten

In der Sowjetunion wurde für ein kommendes Kunstwerk extra eine 122 mal 15 Meter messende Leinwand angefertigt: Werner Tübke, einer der bekanntesten Maler der DDR, will darauf ein Riesenpanorama zum Thema Bauernkrieg applizieren. Für die Arbeit an dem Rundgemälde, von dem Vorstudien in der 8. Dresdner Kunstausstellung zu sehen sind, und das dereinst den runden Raum einer Gedenkstätte auf dem Schlachtberg im thüringischen Frankenhausen schmücken wird, rechnet Tübke zehn Jahre. Wenn man dieses Unternehmen vergleicht mit Christos "Running Fence", dem vier Jahre vorbereiteten, vierzig Kilometer langen und gut fünf Meter hohen Nylonzaun in Kalifornien, dann hat man nicht nur zwei Arten von Monumentalität, sondern auch den meilenweiten Abgrund dazwischen deutlich vor sich.

Bildender Kamera-Künstler