ARD, Sonntag, 4. Dezember: Tatort: „Das Mädchen von gegenüber“, von Martin und Hajo Gies, und „Zensur im WDR – Wahrheit oder Legende?“, Moderator: Gerd von Paczensky

Ein Kriminalfilm über den Tod einer Fünfzehnjährigen und eine Debatte, die Zensur im Deutschen Fernsehen betreffend: Der Abend des zweiten Adventssonntags kündigte nicht gerade vorweihnachtliche Friedfertigkeit an. Aber es schien nur so. In Wahrheit geht es, dem Kirchenjahr entsprechend, behutsam und freundlich zu zwischen „Tatort“-Auftakt und der Absage des Moderators Paczensky: „Hier sind alle zu Wort gekommen, jeder hat ausgeredet, niemand wurde unterbrochen.“

„Das Mädchen von gegenüber“, ein Film der Brüder Martin und Hajo Gies, präsentierte sich als Anti-Action-Film von Rang: keine schrillen Effekte (eine ganz und gar überflüssige Hetzjagd durchs Treppenhaus ausgenommen), kein melodramatisches Spiel (lediglich die Musikuntermalung hätte dort, wo sie gar zu unheilsschwanger das Bild unterstrich und Visuelles kraß verdoppelte, zurückgenommen werden müssen), kein falsches Pathos und, vor allem, kein einziges Wort, das auch hätte anders gesagt werden können. Das Bild, dominierte; Kamerafahrten beschrieben, phantasievoll und wortlos-exakt, die Atmosphäre; eine Bluse vorm Fenster, ein beleuchtetes Schienenpaar, ein Vorstadtjahrmarkt, das Riesenrad vor der Kirche, der erleuchtete Amüsierbetrieb in seiner Traurigkeit standen für ruhig erzählte Passagen. Epische Bildsequenzen, am Ende verknappt, im Wechselspiel mit kurzen, gelegentlich bis zur Stichomythie zugespitzten Dialogen (Satz gegen Satz; Ping-Pong-Spiel zwischen Angriffsspieler und Verteidiger): Das Grundprinzip des Films, seine vorgegebene Struktur, war erkennbar; aber es drängte sich, niemals auf. Nein, hier bewirkte das Kalkül nicht eine Summe von Abstraktionen, sondern Natürlichkeit bis ins Detail hinein: Da war kein „Tschüs“, das auch für ein „Wiederschen“ und kein „auf Wiedersehen“, das für ein „Tschüs“ hätte stehen können. Alles war richtig, überzeugend und, dank langer Bilder und knapper Sätze, geeignet, hinter dem belanglosen äußeren Vorgang den weit wichtigeren inneren zu verdeutlichen: das Gedachte und Gefühlte, das Erträumte und Befürchtete.

Was im Film zum Guten ausschlug, die Verwandlung der Aktion ins Angedeutete und die Verlagerung des Geschehens vom (vermeintlichen) Hauptschauplatz auf jene Nebenschauplätze, wo in Wahrheit das Eigentliche und Dramatische geschieht (nicht im Kommissariat, sondern in den Straßen, die ein Junge durchstreift, nicht in den Straßen, sondern in den Gedanken des Jungen): diese Verdeutlichung des Allgemeinen durch das Konkrete, ein Beleuchten von Gesetzmäßigkeiten mit Hilfe des exemplarisch bezeichnenden Details mißlang der Diskussion über die Zensur im WDR und dies trotz einer Fülle von vorzüglichen, exakt formulierten Beiträgen. ...und der Disput mußte mißlingen, da man, statt wie im Film an ein und demselben Tisch Pingpong zu spielen, Monologe auf verschiedenen Ebenen austauschte: Sprach A höchst allgemein, antwortete B beispielhaft und punktuell, redete C kasuistisch, beschwor D das Gesetz, auf das die Einzelfälle zurückführbar seien.

Kein Wunder also, daß man, zumal der Moderator auf die Strukturierung des Gesprächs verzichtete, über das von hüben benannte und von drüben kaum bestrittene Klima allgemeiner Einschüchterung und Duckmäuserei in unseren Funkhäusern, über grassierende Selbstzensur und bürokratisches Reglement nur wenig erfuhr. Kein Wunder auch, daß der kleinste gemeinsame Nenner am Ende der übereinstimmend konstatierte Unterschied zwischen dem Westdeutschen und dem Bayerischen Rundfunk war, zwischen den noch Liberalen im Westen und den finsteren Konservativen im Süden.

Anderswo ist es noch schlimmer als hier, hieß die Devise, in Bayern passieren noch ganz andere Dinge: Ist es wirklich ein Trost, fragte sich der Betrachter am Bildschirm, wenn die Vertreter einer öffentlich-rechtlichen Anstalt Grau gegen Schwarz abheben müssen? Wie leicht das eine in das andere übergeht, wäre schnell erkennbar gewesen, wenn – der Diskussion zum Nutzen! – zur Seite der Herren Hübner und von Sell einer aus der Garde der Loch, Hilf oder Mühlfenzel hätte klarstellen können, daß die Isar im Deutschen Fernsehen nicht ganz so weit vom Rhein entfernt ist wie auf dem Atlas, daß vielmehr jener Selbstzensur heischende Radikalenerlaß heute bundesweit gilt, der, Radikalität im Denken verdächtigend, die Resignation in Köln so gut wie in Baden-Baden befördert. Die Resignation, die Schwester der Gewalt. Momos