Dem drittgrößten Chemiekonzern Italiens wird Subventionsbetrug vorgeworfen

Als der Lastwagen voller Dokumente davonraste, streifte er das Portal der Hauptverwaltung, Ein Stück der Verzierung knallte zu Boden. Für den römischen Hilfsstaatsanwalt Luciano Infelisi ist das Stück Putz zu einem Puzzlestück im Zusammenhang mit den Ermittlungen in der italienischen Großchemie geworden.

Im römischen Justizpalast hält Infelisi bereits zehn Regale mit Dokumenten unter Verschluß. Die Finanzpolizei sammelte das Papiergut bei Italiens drittgrößter Chemie-Holding SIR (Societá Italiana Resine), bei der staatlichen Kreditanstalt IMI (Istituto Mobiliare Italiano) und bei der italienischen Sparkassen-Girozentrale (ICIPU). Die Staatsanwaltschaft will herausfinden, ob 34 Milliarden Mark Subventionen für die Industrieansiedlung in Süditalien nach dem Kriege zurecht gegeben und richtig verbraucht wurden.

Vor allem richtet sich die Lupe der Ermittlungsbehörden auf die acht Milliarden Mark, welche die italienische Grundstoffchemie an zinsverbilligten Krediten und verlorenen Zuschüssen einheimste. Gegen den Mailänder Chemiekonzern SIR, der mit 1733 Milliarden Lire (4,6 Milliarden Mark) den Löwenanteil der Finanzierungshilfe bekam, hält die Staatsanwaltschaft den Verdacht des Betruges am Staat, der verbotenen Devisenausfuhr und der Bilanzfälschung für gerechtfertigt. Dem SIR-Präsidenten Nino Rovelli, Herr über eine Industriegruppe mit 20 000 Beschäftigten, 900 Milliarden Lire (2,25 Milliarden Mark) Umsatz und fast 3000 Milliarden Lire (7,5 Milliarden Mark) Schulden, wurde vorsorglich der Paß entzogen.

Als der Hilfsstaatsanwalt mit seinen Beamten bei der SIR-Tochter Euteco in Mailand sämtliche Akten abholen wollte, stieß er auf leere Regale und das Loch am Portal. Statt der fehlenden Unterlagen nahm man Euteco-Vorstand Giuseppe Zampiroli nach Rom mit – in Handschellen. "Verdunkelungsgefahr und Verdacht der Begünstigung" lautet das Motiv für die Verhaftung.

Wie ein Ungewitter brach die Nachricht von der Initiative der Gesetzeshüter über Parteien und Regierung, Industrie und Kreditwirtschaft herein. Die Untersuchungen beginnen nämlich in einem besonders delikaten Augenblick, in dem Italiens Großchemie vor schwerwiegenden finanziellen Entscheidungen steht. Milliardenschulden müssen bezahlt werden und niemand weiß wie. Den vier Großen der italienischen Grundstoffchemie Montedison, ENI-ANIC, SIR und Liquichimica ist nach einem schlechten Jahr und einigen Jahrzehnten falscher Investitionspolitik die finanzielle Decke endgültig zu kurz geworden. So kurz, daß die Montedison-Tochter Montefibre nicht einmal mehr die vollen November-Löhne ausbezahlen kann und die Liquichimica-Holding ihre Aktien verpfänden will. Montedison-Aktien notieren nur noch zu einem Viertel des Nennwertes.

Und gerade als die Finanzpolizei bei der italienischen Sparkassen-Girozentrale in Sachen SIR anklopfte, beriet der Präsident des Institutes mit seinen engsten Mitarbeitern darüber, ob die Liquichimica für zahlungsunfähig erklärt und die Schulden von 250 Milliarden Lire (600 Millionen Mark) durch Beschlagnahme des Holdingvermögens eingetrieben werden sollen.