Von Theo Sommer

Zu Kissingers Zeiten ging es auf der Orientalischen Bühne anders zu. Damals pendelte der US-Außenminister von einer nahöstlichen Hauptstadt zur anderen und diktierte den Ereignissen souverän ihren Lauf. Sein Nachfolger Vance dagegen hechelt heute den Ereignissen atemlos hinterher, kaum mehr ein Briefträger, schon gar kein Schlichter. Das Gesetz des Handelns ist den Amerikanern weithin entglitten, Washington steht nur wenig besser da als das völlig überrumpelte Moskau: Wo die östliche Vormacht die Einladung zur Kairoer Konferenz säuerlich ablehnte, vermochte die westliche sich bloß säuerliche Zustimmung abzuringen.

In der Tat sehen Carter und sein Sicherheitsberater Brzezinski ihr ganzes klüglich ausgetüfteltes Konzept über den Haufen geworfen. Seit einem Jahr hatten sie auf eine umfassende Nahost-Regelung an Stelle der von Kissinger bevorzugten aufeinanderfolgenden Teillösungen zugesteuert. In Genf hofften sie, eine solche Gesamtlösung unter Dach und Fach zu bringen. Zu diesem Ende riefen die Amerikaner auch den Kreml wieder ins Spiel, den Kissinger völlig an den Rand des Geschehens gedrängt hatte. Die gemeinsame sowjetisch-amerikanische Nahost-Erklärung vom 1. Oktober war der erste Schritt auf dem Weg zur zweiten Genfer Konferenz.

Dieses Dokument freilich verstörte nicht nur die Israelis, die neue Pressionen befürchten mußten, sondern vor allem auch die Ägypter, die sich dem sowjetischen Freundschaftsgriff mühsam genug entzogen hatten. Die Einmengung der Großen war Kairo wie Jerusalem schon einzeln zuwider; erst recht widersetzten sie sich nun ihrem gemeinsamen Auftreten. Aus dem Mißtrauen gegenüber den Supermächten stammte Sadats Impuls, den Gang nach Jerusalem anzutreten – aber auch die Herzlichkeit, mit der die Israelis ihn empfingen. Dem befürchteten Diktat der Weltmächte setzten sie einen eigenen Friedensfahrplan entgegen.

Anwar Sadat spielte dabei von Anfang an ein kühnes Spiel mit hohem Einsatz. Noch steht dahin, ob Menachem Begin ihm jene Zugeständnisse machen wird, die er braucht, um im arabischen Lager bestehen zu können, mindestens vor seinen Geldgebern in Saudi-Arabien. Gleichwohl nahm er den Bruch mit den militanten Mitgliedern der Arabischen Liga in Kauf, wenn er ihn denn nicht bewußt provozierte. Und er berief, ehe die Welt aus dem Staunen über seine Jerusalem-Reise heraus war, eine Nahost-Konferenz nach Kairo ein. Teilnehmer sind neben Israelis und Ägyptern nur die Amerikaner; den Vorsitz führt ein UN-General; der Vatikan hat einen Beobachter entsandt,

Für einen orientalischen Friedensschluß ist das eine eher dürftige Runde. Es sei denn: Begin macht Konzessionen nicht nur im Sinai, sondern auch auf dem Golan – was Assad aus der Reserve locken könnte; und nicht nur auf dem Golan, sondern auch auf dem Westufer – was König Husseins Lust am Dabeisein reizen müßte und auch die gemäßigten Palästinenser zum Einlenken veranlassen mag. Ohne solche Konzessionen wären auch die Überredungskünste des amerikanischen Außenministers vergebens. Oder aber Sadat visiert einen israelisch-ägyptischen Separatfrieden an, was er bisher geleugnet hat, und setzt darauf, daß davon schon ein Sog auf die anderen ausgehen wird, die sich jetzt noch abseits halten.

Die Amerikaner stellen sich offenbar auf beides ein. Ihren Genf-Plan haben sie fallen lassen wie eine heiße Kartoffel; einer späteren Genfer Konferenz wird allenfalls noch eine Absegnungs-Funktion eingeräumt. Zbigniew Brzezinski hat auch flugs – Anleihe bei Churchill – eine neue Theorie "konzentrischer Kreise" beigesteuert, Amerika unterstützt danach 1.) einen ägyptischisraelischen Frieden, verknüpft mit 2.) einer Übereinkunft zwischen Israel, den gemäßigten Palästinensern und Jordanien über das besetzte Westjordanland; 3.) schließlich einen syrischisraelischen Frieden, der in eine Gesamtregelung des Konfliktes zwischen Arabern und Israelis einzubetten wäre.

Es klingt mehr wie eine umfassende Theorie zur Rechtfertigung von partiellen Lösungen. Der Frieden, wenn er kommt, wird in kleinen Schritten kommen: Kissinger läßt grüßen. Nur, daß diesmal nicht die Amerikaner das Heft in der Hand haben. Am Ende könnten die Saudis, die sich bislang bedeckt halten, den Ausschlag geben, ob die Kairoer Gespräche – in jenem Hotel Menahouse, in dem Churchill und Roosevelt 1943 die Invasion in der Normandie beschlossen – im Orient den Frieden einläuten oder einen neuen Krieg.