Seit diesem Sommer, in dem er seinen ersten Ausreiseantrag gestellt hatte, verharrte der DDR-Autor Hans Joachim Schädlich in quälender Ungewißheit. Sein Buch mit dem beziehungsvollen Titel "Versuchte Nähe" ist zwar so wenig Bestseller geworden (als den ihn eilfertige Fernsehnachrichten titulieren), wie die Information stimmt, Schädlich habe seine Anstellung bei der Ostberliner Akademie der Wissenschaften verloren. Aber die Pressionen gegen den Unterzeichner der berühmt-berüchtigten Biermann-Petition und Kandidaten des DDR-Schriftstellerverbandes, in dem man sogar seine Inhaftierung diskutierte, wurden allmählich unerträglich. Ein Autor, dessen Literatur auf seltene Weise einhellig im Westen gelobt wurde, saß in totaler Isolation im Osten.

Der spie ihn nun aus. Gratulieren kann man Schädlich, daß seinem zweiten Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft stattgegeben wurde; gratulieren aber kann man einem Staat Und einer Kulturpolitik, die sich zu derlei "Fairneß" anstrengen müssen, nicht. Der literarische Konformismus erstickt wie eine Schneedecke die DDR-Kulturlandschaft. Daß der nächste DDR-Autor (der Name ist sogar schon bekannt) kommt, ist gewiß. Zu fragen bleibt allenfalls, welcher der hierzulande so oft kritisierten Schriftsteller dem dann erstes Asyl gewähren wird – Solschenizyn wohnte bei Böll, Biermann bei Wallraff und Schädlich wohnt nun bei Grass.

F. J. R.