Die Sowjetunion ist kein Rentnerparadies

Von Marianna Butenschön

Ende Juni dieses Jahres erschienen in der Moskauer Parteizeitung Prawda innerhalb von drei Tagen zwei Leserbriefe fast gleichlautenden Inhalts. Den einen hatte der Smolensker Werkzeugschlosser Sentschuk geschrieben, der andere kam von dem Rentner Bagrez aus Irkutsk. Beide Prawda-Leser schlugen Ergänzungen zu den Artikeln 40 und 43 des neuen Verfassungsentwurfs vor, der gerade in der UdSSR diskutiert wurde.

In Artikel 43 sollte nach Ansicht Sentschuks neben dem Recht der Sowjetmenschen auf "materielle Versorgtheit im Alter" auch festgelegt werden, "daß das Rentenalter für Frauen bei 55 Jahren und für Männer bei 60 Jahren liegt". Auch solle jeder Bürger das Recht haben, "beim Erreichen des Rentenalters weiterzuarbeiten, wenn seine Gesundheit es ihm erlaubt". Und Bagrez wollte in Artikel 40 neben dem Recht auf Arbeit auch "die Möglichkeit für Rentner, eine Arbeit entsprechend ihrem Gesundheitszustand, ihrer Ausbildung und ihrer Erfahrung zu bekommen", verfassungsrechtlich verankern lassen.

Den beiden widersprach vier Wochen später – wieder in der Prawda – der Moskauer Ingenieur Druschkin: "Heute ist der Mensch im allgemeinen bis zum 20. Lebensjahr in der Ausbildung, 35 bis 40 Jahre arbeitet er, und dann geht er in Pension. Es gibt Anlaß zu der Vermutung, daß das Rentenalter in der Zukunft mit dem Ansteigen der Lebenserwartung der Sowjetmenschen heraufgesetzt wird. Deshalb bin ich der Meinung, daß das Rentenalter nicht in der Verfassung fixiert werden darf."

In die neue sowjetische Verfassung, die im Oktober verabschiedet wurde, sind die Ergänzungsvorschläge allerdings nicht eingeflossen. Ein bestimmtes Rentenalter ist nicht festgelegt, und ein Recht auf Arbeit wird den Alten nicht garantiert.

Ein sozialer Fortschritt?