Nachdem so ziemlich alles verfahren war, als schließlich erst der Bundespräsident, dann der Bundeskanzler die desolate Hauptstadtplanung in Bonn beklagten und verzweifelt nach einem Genie von der Art des preußischen Baumeisters Friedrich Schinkel riefen – da gab es gerade zwei neu zu besetzende Posten: den einen in der zuständigen Bonner Stadtregierung, den anderen in der für Bonn zuständigen Abteilung des Bundesbauministeriums. Im einen wurde dann der bisherige Planungsdezernent wiedergewählt, auf den anderen rückte, mit hierarchischer Konsequenz, der nächste auf der Beamtenleiter nach. Keiner von beiden zeigt irgendwelche Spuren einer Verwandtschaft zu Schinkel, wer wollte das auch so ausdrücklich erwarten.

Was bisher durch beide Ämter (und den nur mit Bundes-, Landes- und Stadtpolitikern besetzten "Gemeinsamen Ausschuß") für die Regierungshauptstadt Bonn oder in ihrem Namen geplant und gebaut worden ist, drückt sich beispielsweise in diesem resignierten Satz aus: Nach den jahrelangen Versäumnissen und den Fehlplanungen, nach dem Übermaß an politischem Kleinmut und an baukünstlerischer Ärmlichkeit sei es "schwierig, heute noch ein Konzept zu entwickeln, das dem Anspruch Bundeshauptstadt Bonn Genüge" tue, "ihn städtebaulich wirksam zum Ausdruck" bringe und somit rechtfertige. Und so landeten die drei mit dem ausdrücklichen Vertrauen des Kanzlers ausgestatteten Verfasser dieser eben veröffentlichten 60 Seiten dicken "Stellungnahme zum Rahmenplan der Stadt Bonn" schließlich bei dem Vorschlag, "nochmals einen .Anfang’ zu machen" und ein Konzept auszuarbeiten, in dem sich hoffentlich eine "Vision dessen, was geschaffen werden soll", widerspiegele – was voraussetzt, daß sie irgend jemand erst einmal hat. Die Verfasser, die so unpragmatisch denken und alles Bisherige kühn übergehen, die sich auch zu romantischen Vorstellungen versteigen und sich – wie ein Budapest an beiden Flußufern – eine Art Bonn-Beuel erträumen, sind Rudolf Hillebrecht, Gerhard Laage und Walter Rossow.

Immerhin haben sie es geschafft, was die begabten Studenten des Professors Gottfried Böhm mit ihrem hervorragenden Hauptstadt-Plan im Sommer nicht geschafft haben: Wirbel zu machen.

Mit der Frage, wer denn nun aufgerufen und imstande wäre, die Kritik zu beherzigen und die Vorschläge zu sieben, gewinnt nun unerwartet eine Personalie an Bedeutung: Der bisherige Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau Karl Ravens gibt sein Amt auf und macht von Ostern an Landespolitik in Niedersachsen, um dort die nächste Wahl für die SPD zu gewinnen und Ministerpräsident zu werden. Sein (inoffiziell) designierter Nachfolger ist sein Parlamentarischer Staatssekretär Dieter Haack, der fünf Jahre lang in diesem Amt niemals (etwa mit einer Meinung) aufgefallen ist, ein unbekannt und farblos gebliebener Mann, von Beruf Jurist und Politiker. Er läßt nicht vermuten, daß aus diesem Bauministerium anderes würde als ein Bauwirtschafts- oder Baufinanzministerium.

Einer, der diesem Ministerium endlich einmal Farbe zu geben vermöchte, wäre der Berliner Bausenator Harry Ristock, ein geschickter Politiker, der sich aber auch einen bemerkenswerten Sinn für, sagen wir, (Stadt-)Baukunst erworben hat. Er will Berlin nicht verlassen.

Der andere ist Peter Conradi, der einzige Architekt im Bundestag. Er hat als Konkurrent Manfred Rommels um den Posten des Stuttgarter Oberbürgermeisters gute Figur gemacht, er war Manns genug, sein Gewissen als "Rebell" (gegen das Kontaktsperregesetz) zu behaupten und den Schimpf der Fraktion durchzustehen, ein mutiger Mann also und obendrein mit einer seltenen Begabung versehen: mit Ideen und mit Temperament.

Wenn das Lamentieren über das (öffentliche) Bauen in der Bundesrepublik, namentlich über die lähmenden Planungs-Etuden in der Regierungshauptstadt, ernstgemeint ist, wäre keine bessere Entscheidung des Kanzlers denkbar, als Conradi in seine Regierung aufzunehmen. Da er keinen Schinkel kriegt – hätte er immerhin einen Minister, der etwas von Qualität und von Architektur weiß. Manfred Sack