Frankfurt

Bis Ostern sind wir alle bekehrt", prophezeien Justizwachtmeister beim Landgericht, die in den kommenden Wochen und Monaten Dienst in einem ungewöhnlichen Prozeß tun sollen. Auf der Anklagebank des größten Saals, den Frankfurts Strafjustiz öffnen kann, sitzen zehn fromme Mönche der Hare-Krishna-Bewegung, denen als Hauptsünde der wohl spektakulärste Bettelbetrug in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte angelastet wird. Doch schuldig fühlen sich die Mönche nicht: Ihnen erscheint die Anklage als oft beschworener Ausdruck "unserer völlig irregeleiteten Zivilisation", die sie selbst vom Gerichtsforum aus noch "auf den richtigen Pfad, zurück zu Gott" führen möchten.

Als der Hare-Krishna-Prozeß Ende der vergangenen Woche begann, beherrschten die Mönche mit ihrer Mission so eindeutig die Szene, daß sich der Staatsanwalt mit seiner umfangreichen Anklageschrift in der Hand ein wenig verloren vorkommen mochte. Das Frankfurter Gericht glich einem Tempel: vor und nach der Verhandlung sangen und summten die Angeklagten, tanzten, trommelten und triumphierten sie – bis es dem Sicherheitsbeauftragten der Justizbehörden zuviel wurde und er milde mahnte: Geht hinaus in den Park, da könnt ihr weiterspielen!"

So einfach indes wird sich die Justiz des aufwendigen Rituals der kahlgeschorenen Krishna-Männer in ihren weißen und roten Wickelgewändern künftig kaum entledigen können. Was an Respekt vor religiösen Gefühlen erwartet wird, ließ die mit achtzehn Anwälten ausgestattete Verteidigerriege wissen, als sich die Mönche am ersten Verhandlungstag plötzlich rhythmisch auf der Anklagebank wiegten und zu beten begannen. Es sei dafür zu sorgen, forderte Rechtsanwalt Rupert von Plottnitz, begleitet von frommen Sprüchen, daß ausreichend Verhandlungspausen eingelegt würden, "damit die Angeklagten ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen können".

Doch während das Gericht willig zu erkennen gab, besonderen Umständen im Dienst von Gott Krishna Rechnung zu tragen – alle neunzig Minuten heißt es: Pause zum Gebet – will die Anklagevertretung von solchem Kult nichts mehr hören und sehen. Kaum hatte der krishnahöchstgeweihte Hans Kary die Grundzüge seines Glaubens ausbreiten können, dem in den USA vom Obersten Gerichtshof der Status einer Religionsgemeinschaft zuerkannt wird, verlangte Staatsanwalt Hans-Gero Schömberg, den Oberpriester sogleich zum Schweigen zu bringen. Schömberg: "Ich sehe keinen Bezug zur Anklage."

Was die Anklagevertretung ungeduldig machen könnte, sind augenfällig ein ungewöhnlich langwieriges Pensum und Programm, das zur Überführung der Hare-Mönche als schnöde Betrüger geleistet werden muß. 138 Zeugen sollen vernommen werden, etwa zum Beweis dafür, daß die auf Schloß Rettershof im Taunus residierenden Jünger der deutschen Sekte unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an die Mildtätigkeit von Millionen Spendern appellierten. Hatten sie bei ihren Haus- und Straßensammlungen während der Jahre 1972, 1973 und 1974 in den großen Städten, aber auch in vielen kleinen Gemeinden des Bundesgebiets salbungsvoll erklärt, sie sammelten für hungernde Kinder in Indien, stellten die Strafverfolgungsbehörden fest, daß etwa von den 2,4 Millionen Mark, die 1974 innerhalb weniger Monate zusammenkamen, nur 15 000 Mark an die Hungerhilfe des Krishna-Zentrums in Mayapur/Indien überwiesen wurden.

Daß Krishnas Männer viel Geld dagegen für die Tilgung von Schulden, für Kautionen, Anwaltsberatungen und Bußgelder ausgaben, sogar einen Detektiv bezahlten, der einem mißliebig gewordenen Journalisten nachspüren sollte, weist die Bewegung weit von sich. "Unsere Gelder sind ordentlich verbucht und gebraucht worden", beteuern die Mönche. Kein einziger Pfennig sei für Luxus verwendet worden, und bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma haben die Angeklagten ausgerechnet, was an Einnahmen für den Unterhalt der Sekte berechnet wurde: 3,38 Prozent.