Die Agrarpreise in der Europäischen Gemeinschaft sollen 1978 nach den Kommissionsvorschlägen nur um zwei Prozent steigen.

Mit Finn Olav Gundelach ist seit Anfang dieses Jahres zum ersten Male ein Nicht-Agrarpolitiker in der Brüsseler EG-Kommission für das Grüne Europa zuständig. Das zahlt sich allmählich aus. Die Agrarpreisvorschläge der EG-Kommission sind gegenüber früher bescheidener geworden. Um nicht mehr als zwei Prozent sollen die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise im nächsten Jahr steigen. Schon für 1977 war die Preisanhebung mit 3,5 Prozent bei weitem geringer ausgefallen als in den Vorjahren (1976: 7,5; 1975: zehn Prozent).

Der dänische Ex-Diplomat Gundelach hat nicht nur die Bedürfnisse der Landwirtschaft zur Richtschnur seiner Politik gemacht, sondern auch die im Vertrag von Rom ausdrücklich genannten Interessen der Verbraucher. Sein Ziel ist es, die Landwirtschaft wieder dazu zu bringen, für den Markt statt für die staatlichen Interventionsstellen zu produzieren. Gundelach will den Währungsausgleich, der im innergemeinschaftlichen Agrarhandel erhoben wird und der die Gemeinschaft mehrere Milliarden Mark im Jahr kostet, schrittweise verringern. Außerdem will er die Wettbewerbsverzerrungen beseitigen, die im Laufe der Zeit im Agrarmarkt entstanden sind, und den einheitlichen Markt wieder herstellen.

Eine solche Politik hat ihre Widersacher. Nach den geharnischten Protesten der Copa, des europäischen Ausschusses der landwirtschaftlichen Berufsverbände, wurde auch in der Ratstagung der EG-Agrarminister zu Beginn dieser Woche Kritik laut. Zwar bekannten sich alle Minister zum Prinzip einer "vorsichtigen Preispolitik". Doch jeder interpretierte "vorsichtig" auf seine Weise. Opposition wurde vor allem von den Benelux-Delegationen und von Frankreich laut. Andererseits fand die britische Delegation, daß einige Preisvorschläge immer noch zu hoch seien.

Durch die Koppelung der Preisvorschläge mit einer neuerlichen Verringerung des Währungsausgleichs ergeben sich für die einzelnen Mitgliedsländer unterschiedliche tatsächliche Preisveränderungen. Bei einem Abbau des für die Bundesrepublik geltenden Währungsausgleichssatzes um 1,14 Prozent würde für die deutschen Landwirte im Schnitt nur eine Preisaufbesserung von 0,9 Prozent herausspringen. Die Verringerung des französischen Währungsausgleichs um 2,1 Prozent würde hingegen, da es sich um ein Abwertungsland handelt, eine zusätzliche Einkommensverbesserung um eben diesen Prozentsatz bescheren. Zusammen mit der von Paris für Februar beantragten Senkung des Währungsausgleichs um 2,5 Prozent würde die französische Landwirtschaft mit einer Preisverbesserung von 6,6 Prozent in das neue Erntejahr gehen.

Anders liegen die Dinge im Falle Großbritannien. Die hier gezahlten Ausgleichsbeträge haben weniger Bedeutung für die landwirtschaftlichen Produzenten als für die Verbraucher. Die Senkung des Währungsausgleichs um 3,5 Prozent würde praktisch einer entsprechenden Kürzung der Preissubvention für die Verbraucher gleichkommen. Die 0,5 Prozent, mit denen die vorgeschlagene Anhebung der Erzeugerpreise nach Schätzung der Kommission auf die Verbraucherpreise durchschlagen würden, haben also nur theoretischen Wert.

Das Agrarpreispaket der Kommission würde, wenn es vom Ministerrat unverändert angenommen würde und wenn die Voraussagen über das kommende Erntejahr einigermaßen zutreffen, etwas in der bisherigen Geschichte der Gemeinschaft noch nicht Dagewesenes bringen: eine Haushaltseinsparung gegenüber dem Vorjahr von rund dreißig Millionen Mark.