Von Ulrich Schiller

Los Angeles, im Dezember

Am 21. November dieses Jahres sollte in Los Angeles das Gebäude in die Luft fliegen, in dem der kalifornische Senator John Briggs sein Büro hat. Ein "Revolutionäres Komitee" hatte beschlossen, von den bisher "symbolischen" Bombenanschlägen auf das verhaßte System zu militärischen Aktionen überzugehen. Briggs sollte das erste Opfer sein – ein konservativer Republikaner, der die Todesstrafe befürwortet und den Feldzug der Anita Bryant gegen die Homosexuellen unterstützt. Die Konstruktion der Bombe besorgten Rudy und Vince. Ralph sollte die Kunst des Bombenbasteins am Objekt erlernen.

Ralph war vor einem halben Jahr mit seinem Freunde Dick aus San Franzisko gekommen, um das "Revolutionäre Komitee" zu unterstützen, dessen Führung in den Händen von Esther und Josie lag. Ralph und Dick, beide mit langjähriger Untergrunderfahrung, erwarben bald das Vertrauen der beiden. Doch während die jungen Frauen vorwiegend an den bewaffneten Kampf gegen die Staatsmacht dachten und nur gelegentlich kleine Jobs annahmen, hatten Ralph und Dick noch andere Pflichten: Sie schrieben Berichte für das FBI, das Bundeskriminalamt.

Als alle Vorbereitungen für den Bombenanschlag getroffen waren und die Berichte aus dem Untergrund höchste Gefahr für das Leben des Senators signalisierten, ließ das FBI-Büro in Los Angeles die Agenten auftauchen und die unter ständiger Observanz gehaltenen Terroristen in einem gut koordinierten Schlag verhaften. Rudy und Vince wurden am 19. November in Los Angeles ergriffen; Esther, Josie und ihr Freund Harry zur gleichen Stunde in Houston/Texas, wo sich das Trio zu Anschlägen auf Teilnehmer des großen amerikanischen Frauenkongresses bereitgehalten hatte.

Wäre nicht höchste Gefahr im Verzug gewesen, so erklärten die FBI-Beamten, dann würden die Agenten Richard Gianotti alias Ralph und William Reagan alias Dick noch jetzt im Untergrund die Terroristenszene beobachten. So aber wurde zum erstenmal bekannt, daß es dem FBI gelungen ist, mit eigenen Leuten unmittelbar in eine Terroristenzelle einzudringen.

Anfang der siebziger Jahre gingen die radikalsten Mitglieder der Organisation "Studenten für eine demokratische Gesellschaft" in den Untergrund, weil sie das Ende der Studentenrevolution kommen sahen. Sie gaben ihrer Bewegung den Namen Weather Underground in Anlehnung an die radikalen schwarzen Weathermen. Totale Abschottung und höchste Disziplin in kleinen Zellen zeichnete die Organisation der jungen weißen Intellektuellen aus, deren führende Köpfe – Bernardine Dohrn oder Jeffrey Jones – noch heute auf den Fahndungslisten des FBI stehen.