Groningen/Hannover

Das Jahrhundertwerk steht, doch stolz dürfte niemand sein. Langes und gutes Reden hat nicht geholfen, ein Umweltschutzjahr und die traditionell gute Nachbarschaft zwischen den niederländischen Friesen und den deutschen Emsländern scheinen vergessen: Seit dem 1. Dezember spuckt die "Smeerpijp" ihre Brühe aus, fließen ungereinigte Abwässer ins Mündungsgebiet der Ems. Die Niederländer schütten den steinwurfweit entfernten Deutschen ihren Dreck einfach vor die Füße.

Nichts konnte sie stoppen. Nur eine Instanz gibt es noch, den übelriechenden Ärger im Nordwesten auszuräumen: der "Raad van State" in Den Haag könnte den Hahn an der Dreckleitung zudrehen. Dieses Gericht verhandelte am 8. Dezember zum erstenmal wegen des Dollart-Drecks. Kläger waren die Stadt Borkum und einige niederländische Naturschutzvereinigungen. Beklagt ist der holländische Staat. Der Verhandlungsablauf laßt alle hoffen: "Der Einzelrichter", so ein Beteiligter, "war zu allen Parteien gleich freundlich."

Die Anrufung der niederländischen Justitia ist der bisher letzte Schritt in einer jahrelangen Auseinandersetzung um die Kloake. Ende der sechziger Jahre erfuhr man in der Bundesrepublik von der Absicht der Holländer, in der Provinz Groningen eine große Abwasserleitung zu bauen. Sie sollte den flüssigen Unrat aus den Kartoffelstärke- und Strohpappen-Fabriken ins Ems-Ästuar leiten, in jenen schmalen Mündungstrichter, der etwa von Emden bis zur Nordsee reicht.

Bisher hatte das Kanalsystem der flachen niederländischen Landschaft die Industrieabwässer schlucken müssen. Zwischen den sattgrünen Wiesen, den vereinzelten, bizarren Bäumen und den charakteristischen Windmühlen stand eine schwarze Brühe. Ein ekliger Schaum kontrastierte zu dem vom Seewind blankgeputzten Himmel. Die ganze Provinz stank.

Die Einleitung der Jauche in die Ems, das rechnete man sich in Deutschland schnell aus, würde die Wasserqualität mindern. Umweltschäden wären die Folge. Der Ausfluß der Stärkefabriken ist hochgradig organisch; dadurch wird viel Sauerstoff im Wasser gebunden, Fische und deren Nahrungsstoffe sind bedroht. Außerdem flössen aus den Kesseln der Industrie Kali-Stickstoff und andere Düngemittel ins Wasser, die Ökologie gerät dann durcheinander.

Der erste Warnruf kam von den Nordseeinseln. Denn Strömung und Gezeiten, dies war abzusehen, würden die ausgespuckte Dreckfracht der Holländer in kurzer Zeit seewärts befördern, zuerst also ans Ufer der gut zwanzig Kilometer entfernten Insel Borkum. Die Borkumer fürchteten um Wasser und Kurgäste, ihre Nachbarn auf Juist und Norderney waren beim Protest solidarisch. Man wollte dort Schaden verhüten, ihn nicht erst später zu reparieren versuchen.