Der Minister hatte sich eigens aus Bonn einfliegen lassen. Hunderte von Plakaten hatten in der Millionenstadt auf die öffentliche Diskussion aufmerksam gemacht. Erschienen waren etwa dreihundert Zuhörer.

Der Minister umriß zunächst die wirtschaftliche Lage, wies auf die wichtigsten Probleme und Lösungsmöglichkeiten hin – kurz, präzise, ein offenes Wort nicht scheuend, wie es seine Art ist. Es folgte eine Podiumsdiskussion mit Landespolitikern und Journalisten.

Danach hatten die Besucher der Veranstaltung Gelegenheit, ihre Meinung zu sagen. Hinter jedem der beiden Mikrophone im Saal reihten sich sieben oder acht Zuhörer auf und warteten geduldig, bis sie zu Worte kamen.

Nach einigen Fragen zur Jugendarbeitslosigkeit und der Möglichkeit weiterer Konjunkturprogramme tratein älterer Herr ans Mikrophon. Nachdem er Namen, Geburts- und Wohnort genannt und das Datum seines Erscheinens auf dieser Erde publik gemacht und schließlich darauf hingewiesen hatte, daß er "alter Schulmann" sei, begehrte er zu wissen, warum der Minister zwar viel über Wachstum, Arbeitslosigkeit und dergleichen gesagt, das brisanteste Thema aber – wieder einmal – ängstlich ausgeklammert habe. "Ich frage Sie, warum wird auf höchste Weisung in unserem Land die historische Diskussion der Jahre 1919 bis 1924 unterdrückt?" Als der Minister darauf antwortete, ihm sei davon weder etwas bekannt, noch sei es in unserem Lande überhaupt möglich, derartige Weisungen zu erteilen, wußte der Schulmann, dies richtig zu deuten: "Auch in diesem Saal wird die historische Diskussion der Jahre 1919 bis 1924 unterdrückt."

Zeitliches – irgendwo in Deutschland

Der nächste Redner stellte mit mühsam unterdrückter Erregung die Frage, ob denn der Minister weiter tatenlos zusehen wolle, wie die unabhängige Bundesbank den Staat ruiniere. Erst habe sie die Inflation importiert, nun treibe sie Tausende von Unternehmen in den Bankrott. Als der Minister ungerührt erklärte, er trete weiter für die Unabhängigkeit der Bundesbank ein, sah auch dieser Zuhörer seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Als nächste eroberte eine wegen ihrer freizügigen Gedichte stadtbekannte Poetin das Wort. Natürlich seien Arbeitslosigkeit, Rationalisierung und Wirtschaftswachstum nicht unwichtig, räumte die der reiferen Jugend zugehörende Dichterin ein. Doch zu den Dingen, die die Menschen wirklich bewegen, habe der Minister sich ausgeschwiegen. "Warum haben Sie sich nicht ein einzigesmal zur sexuellen Not der Jugendlichen und der Frauen über dreißig geäußert?" Nachdem sie dann noch Details über ihre eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet publik gemacht hatte, entschied der Diskussionsleiter, dies sei wohl, eher ein Statement denn eine Frage gewesen und enthob damit den Minister einer Antwort.